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Mein ZX81 Heimcomputer

03.04.2010 · 7 Kommentare

Mein ZX81 Heimcomputer

Oben: Der ZX81 des britischen Herstellers Sinclair. (Bild: René Achter, 3DPeek)

Frei nach dem Slogan „Wie war das damals?“ blicken wir nun zurück auf die Pionierzeit der Heimcomputer in Westdeutschland. Wie nahmen wir als Jugendliche zu dieser Zeit die Eroberung der privaten Haushalte durch Computer wahr?

Wir schreiben das Jahr 1984. In Zeiten des kalten Krieges erscheinen die Bedrohungsszenarien der James Bond Filme lange nicht so weit hergeholt, wie heutzutage. Der Kinofilm Octopussy handelt im Schatten des Wettrüstens und des NATO-Doppelbeschlusses von der abenteuerlichen Suche nach einem Fabergé-Ei. Bond musste verhindern, dass der Bösewicht den berühmten Zarenschatz gegen eine Atombombe eintauschen kann. Erst in letzter Minute kann die Apokalypse verhindert werden. Scherzhaft verkündet der US-Präsident Ronald Reagan im gleichen Jahr die Bombardierung der Sowjetunion in einer Probe-Ansprache. Er entschuldigt sich später dafür.

In der BRD „hackt“ der Chaos Computer Club die Deutsche Bundespost und deckt somit einen ersten illegalen und medienwirksamen Datenzugriff mit historischer Tragweite für unser Land auf. Und zu guter Letzt wird River Raid von Activision als das erste deutsche Videospiel indiziert. Gleich zu Beginn des Jahres führt Apple den Macintosh als, wie wir heute wissen, Meilenstein der ästhetischen Computertechnik ein. Obwohl in vielen deutschen Kinderzimmern bereits ein Commodore 64 stand, konnte sich ein kleiner Schwarz-Weiß-Computer aus England, der ZX81, ebenfalls auf dem heimischen Markt behaupten.

1984/1985 erlebt Hamburg einen kalten und trockenen Winter. Unter dem Tannenbaum stand für mich in diesem Jahr ein kleiner Karton, der in seiner Styroporverpackung einen ebenso kleinen Computer mit Folientastatur beherbergte. Einen Sinclair ZX81. Doch wie kam es zu diesem Geschenk?

«Der ZX81 war der „wahre“ Volkscomputer und nicht der Commodore VC 20.»

Andre Eymann

Eine neue Welt für 98,- DM

Wie ist mein Vater auf die Idee gekommen, seinem damals dreizehnjährigen Sohn ausgerechnet diesen britischen Rechner zum Fest zu schenken? Auf diese Frage antwortete er: „Ich habe beobachtet, wie Dich damals elektronische Spiele wie Pac-Man interessierten“. Sicher wird ihm auch aufgefallen sein, dass ich viel mit meinen verschiedenen Game & Watch LCD-Spielen, wie beispielsweise meinem tragbaren, knallorangenen Nintendo-Spiel Game & Watch Donkey Kong, gespielt habe. Oder wie wesentliche Anteile meines Taschengeldes im Galaga-Spielautomaten im Imbiss um die Ecke verschwanden. Auch ahnte er wahrscheinlich, dass ich mit meinem Freund auf der anderen Straßenseite zusammen auf dessen Atari VCS spielte. Dennoch entschied er sich bewusst mir einen Computer zu schenken und keine Videospielkonsole.

Pack-Man für den ZX81 kostete 29,80 DM. Es bot laut Werbetext eine irre Grafik und versprach die private Spielhöllenparty kann beginnen. (Bild: Sinclair)
Pack-Man für den ZX81 kostete 29,80 DM. Es bot laut Werbetext eine irre Grafik und versprach die private Spielhöllenparty kann beginnen. (Bild: Sinclair)

Der ZX81 wurde 1981 veröffentlicht und kam aus England. Er wurde zuerst als Bausatz und später als Fertigcomputer verkauft. (Bild: André Eymann)
Der ZX81 wurde 1981 veröffentlicht und kam aus England. Er wurde zuerst als Bausatz und später als Fertigcomputer verkauft. (Bild: André Eymann)
Das mich Technologie schon immer interessierte, wurde früh von meinem Vater gefördert. Dazu fiel ihm ein: „Kannst Du Dich noch an das electrum-Museum in Hamburg-Barmbek erinnern? Dort war ein ganzer Raum mit dem Ur-PC von Konrad Zuse ausfüllt, mit der Leistung von glaube ich einem Kilobyte. Im Büro der Großküche hatten wir nur Additionsmaschinen. Zur Not konnte man damit auch multiplizieren. Eine 4-Spezimaschine (Anmerkung: eine Maschine die alle vier Grundrechenarten beherrschte) kostete in den 60er Jahren fast 8.000,- DM. Etwas über 10 Jahre später kostete ein Taschenrechner nur noch 5,- DM.“

So ging er im Dezember des Jahres 1984, durch eine Werbeanzeige inspiriert, los und besuchte die Elektronik-Abteilung im Tiefgeschoss des Kaufhauses Alsterhaus am Hamburger Jungfernstieg, um mir einen ZX81 zu kaufen. „Der Preis war, glaube ich 98,- DM.“ erinnerte er sich. „Commodore 16 und 64 kamen später. Aber auch bei denen reichte zum Abspeichern noch mein Kassettenrekorder.“ rief er kürzlich aus dem Gedächtnis ab. Das stimmt nicht so ganz, denn 1984 gab es den Commodore 64 schon seit einem Jahr in der BRD zu kaufen. Die Einführung des C16, dem Nachfolger des VC 20, erfolgte bei uns allerdings erst 1985.

Der Sinclair ZX81 war in den 1980er Jahren einer der ersten populären Heimcomputer in Westdeutschland. Hier ist der Auszug des Deckblattes einer CHIP-Sonderausgabe zum ZX81 zu sehen. (Bild: André Eymann)
Der Sinclair ZX81 war in den 1980er Jahren einer der ersten populären Heimcomputer in Westdeutschland. Hier ist der Auszug des Deckblattes einer CHIP-Sonderausgabe zum ZX81 zu sehen. (Bild: André Eymann)

Zum Vergleich: der Apple Macintosh kostete seinerzeit hierzulande ca. 7.200,- DM! Der Commodore 64 kostete ca. 1.495,- DM und lag preislich ebenfalls außerhalb des akzeptablen Rahmens. Die sehr niedrigen Anschaffungskosten für den ZX81 waren sicher auch ein entscheidendes Kaufargument für das Weihnachtsgeschenk. So ist es leicht vorstellbar, weshalb der ZX81 – ob als Bausatz oder Fertigmodell - insgesamt ein großer Verkaufserfolg wurde. Er war in Wirklichkeit der „wahre“ Volkscomputer und nicht der Commodore VC 20, so wie es die Werbung in Deutschland zu vermarkten versuchte.

Magischer Moment in heiliger Nacht

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob es noch weitere Geschenke für mich zu diesem Fest gab. Zu sehr war ich nach dem traditionellen Weihnachtsessen damit beschäftigt, den in Ungarn hergestellten Videoton TC 1613 Fernseher auszupacken und in Betrieb zu nehmen. Schließlich sollte dieser 8-Kanal VHF-UHF Röhren-Schwarz-Weiß-Tischfernseher dem ZX81 zur bildlichen Darstellung in meine Welt verhelfen. Kurz danach wurde ein Foto aufgenommen, das die frisch ausgepackten Bestandteile des Kleincomputer-Pakets, nebst seinem stolzen Besitzer, bildlich verewigte.

Der ZX81 als Weihnachtsgeschenk 1984. Sofort wurde das mitgelieferte Handbuch studiert. (Bild: André Eymann)
Der ZX81 als Weihnachtsgeschenk 1984. Sofort wurde das mitgelieferte Handbuch studiert. (Bild: André Eymann)

Nachdem der ZX81 mit dem Fernseher verbunden war, wurde der entsprechende UHF-Kanal 36 auf dem Frequenzband des TV-Gerätes gesucht. Langsam wurde mit klar: Du besitzt jetzt einen eigenen Computer! Alle unglaublichen Möglichkeiten stehen nun auch Dir offen. Spiele, Textprogramme, Grafik. Alles was ich zuvor in Heimcomputerzeitschriften wie Happy Computer oder HC Mein Home-Computer gelesen hatte, war nun auch für mich zugänglich.

Ich schaltete den kleinen schwarzen Kasten ein und es erschien ein weißes „K“ in einem schwarzen Quadrat.

Das „K“ stand für „Keyword“ (engl. für Schlüsselbegriff) und erwartete nun weitere Anweisungen von mir. Sofort blätterte ich im beiliegenden Handbuch ZX81 BASIC Programming und tippte meine ersten Kommandos. Schon nach kurzer Zeit vergaß ich Raum und Zeit um mich. Ein magischer Moment hatte mich erfasst und zog mich unaufhörlich in seinen Bann. Es war als wäre ich durch ein Tor in eine neue, faszinierende Welt gegangen. Ich glaube die Küche, in der mein ZX81 aufgebaut war, an diesem Abend kaum mehr verlassen zu haben.

Erste kleine Beispielprogramme wurden von mir über die anschlaglose Tastatur des Rechners eingegeben. Programme wie: „Zahlenraten“, „Drucke den gesamten Zeichenvorrat aus“ oder „Rate meinen Namen“. Auch konnte ich schnell erste BASIC-Schleifenroutinen nachvollziehen. Das ZX81 Handbuch stand mit vielen verständlichen Hinweisen hilfreich Pate.

Das ZX81 Handbuch bot einen guten Einstieg in die Programmiersprache BASIC. (Bild: Sinclair)
Das ZX81 Handbuch bot einen guten Einstieg in die Programmiersprache BASIC. (Bild: Sinclair)

Kaufhaus-Erinnerungen

Wo kam man in den Achtziger Jahren als Jugendlicher mit Heimcomputern in Berührung? Ganz sicher in den großen Kaufhäusern der Stadt. Von meinem Elternhaus war das nächst erreichbare Einkaufszentrum nur 3,5 Kilometer entfernt. Oft ging ich direkt nach der Schule dorthin, um Stunden in der „Computerecke“ von Kaufhof oder Horten zu verbringen.

Das Eldorado der Maschinen dort faszinierte mich. Der Geruch von Kunststoff, erhitzten Netzteilen und Papier war allgegenwärtig. Immer wieder tippte ich Befehlszeilen in die Tastaturen von Commodore 64, Texas Instruments TI-99/4A, VC 20 oder Atari 800 XL ein. Obwohl die meisten Systeme im Kaufhaus meinem ZX81 Zuhause technisch überlegen waren, war ich dennoch glücklich mit meinem eigenen kleinen „Personal Computer“. Meine Eltern konnten die Dinge, die ich in meinem Zimmer auf den Bildschirm zauberte kaum nachvollziehen. Es war meine eigene Welt, in der ich mich ganz allein behaupten konnte. Rückblickend betrachtet müssen wir Außenstehenden wie Freaks vorgekommen sein.



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7 KOMMENTARE

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    Andre kommentierte zu oben
    am 24.01.2016 um 08:56 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Hallo Klaus,

    danke für Deinen schönen Kommentar. Mir geht es ähnlich: Reduktion bzw. die Beschränkung bringt wundervolle Dinge hervor. So ist es bis heute. Im Design und auch in der Computertechnik / Spielprogrammierung. Das Raspberry-PI Projekt empfinde ich als eine Art Revival der Heimcomputerei. Hier können die Kids wieder "begreifen", was für Möglichkeiten in der Technologie stecken. Wundervoll!





    Andre kommentierte zu oben
    am 24.11.2015 um 17:17 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Ich verstehe Dich. Der Atari 600XL wirkte natürlich wesentlich erwachsener als der ZX81. Wenn man allerdings sieht, was das ZX-TEAM (http://www.zx81.de) heute noch alles auf dem kleinen Türstopper herausholt, dann kann man Respekt zollen. Schaue Dir einmal die Artikel von Jens Sommerfeld an. Der ZX81 ist 2015 tatsächlich zu Dingen in der Lage, die damals nicht für möglich gehalten wurden. Es werden sogar richtig gute aktuelle Spiele für ihn programmiert. Mehr dazu im Dezember...







    Andre kommentierte zu oben
    am 01.06.2014 um 15:09 Uhr
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    Als ich mit meinem ersten (Heim-)Computer im Kinderzimmer saß, hatten meine Eltern ganz sicher nicht die leiseste Ahnung, was ich damit mache. Eigentlich ideal, um sich als Jugendlicher in seiner eigenen Welt zu behaupten :) Sie haben allerdings auch kein besonderes Interesse daran gezeigt, herauszufinden, was das ganze Getippe auf dem "Ding" da sollte. Da sie selbst ja nicht mit Computern groß geworden sind, muss ihnen dieses ganze neue Zeug sehr mystisch vorgekommen sein. Bis heute ist das Thema für sie schwer zu begreifen.



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