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Vectrex - Vorhang auf!

02.12.2008 · 1 Kommentar

Vectrex - Vorhang auf!

Oben: Das Vectrex war eine tragbare Spielhalle. Natürlich mit Vektorgrafik! (Bild: MB)

Zumindest die etwas älteren Leser unter euch werden sich bestimmt noch an diesen beliebten Werbeslogan aus früheren Zeiten erinnern. Spätestens kurz vor Weihnachten flimmerte regelmäßig das "Spiel des Monats" von Milton Bradley im Vorabendprogramm über die Deutschen Bildschirme.

Dabei standen die Produkte von MB, damals wie heute, immer im Zeichen hoher Qualität. Slotter, Vier Gewinnt oder Flottenmanöver sind nur einige dieser unvergessenen Klassiker. Aber neben den beliebten Gesellschaftsspielen für Zuhause, wurde das Unternehmen auch für sein elektronisches Spielzeug weltberühmt. Darunter befindet sich eine markante schwarze Konsole mit dem Namen Vectrex, ein Gerät das aufgrund seiner Ausstattung und Optik einen ganz besonderen Platz in der Videospielgeschichte einnimmt.

Werbung für das Vectrex Videospielsystem in Deutschland: Klappe auf, Keyboard raus! (Bild: Milton Bradley)
Werbung für das Vectrex Videospielsystem in Deutschland: Klappe auf, Keyboard raus! (Bild: Milton Bradley)

Durch das einzigartige Konzept, inklusive Monitor, Arkade-Joystick und einem Tragegriff an der Rückseite, erscheint das Vectrex auf den ersten Blick fast wie ein überdimensionales Handheld. Tatsächlich ist die Hardware innerhalb weniger Sekunden aufgebaut und dank der integrierten Bildröhre vollkommen autark von externen TV-Geräten. Ein enormer Vorteil zu einer Zeit als gewöhnlich nur ein Fernseher im Durchschnittshaushalt existierte. Somit war auch kein Streit mit den Eltern vorprogrammiert, wenn mal wieder genau die Tagesschau beginnen sollte, wir aber gerade kurz davor standen unser Sonnensystem endgültig von den außerirdischen Invasoren zu befreien.

Die Spielhalle für Zuhause

Ursprünglich steckte das amerikanische Unternehmen GCS (General Consumer Electronics) hinter der Entwicklung und Herstellung, unter dessen Namen das Vectrex ab Oktober 1982 in den USA vertrieben wurde. Die so genannte "Mini-Arkade für Zuhause" lies sich anfangs nur schwer einordnen, eigentlich existierte gar keine passende Kategorie für so ein neues Format. Der Tragegriff (siehe Bild unten): ein einfaches Gimmick werbewirksam eingesetzt. Die japanische Firma Nintendo greift viele Jahre später auf diese Option zurück und präsentiert ab 2001 den Gamecube erneut als tragbare Spielkonsole.

Coole Werbung für den Tragegriff des Vectrex. (Bild: Milton Bradley)
Coole Werbung für den Tragegriff des Vectrex. (Bild: Milton Bradley)

Ihr geistiger Vater Jay Smith hatte schon im Jahr 1979 mit dem MB Microvision, ein Handheld das erstmals in der Geschichte austauschbare Module verwendete, seine Kreativität und Einfallsreichtum unter Beweis gestellt. Milton Bradley, der weltumfassende Spielwarenkonzern, erkannte das Potential hinter dem System, übernah im März 1983 die Lizenz und verkaufte die Konsole schon bald darauf auch in Europa und Japan.

Vektor - Was?

Das Vectrex zeigt sein gesamtes Spielgeschehen ausschließlich über so genannte Vektoren (Darstellung des Bildes durch Linien oder Polygone) und erreichte damit die grafische Qualität aus den öffentlichen Spielhallen. Besonders der Marktführer Atari setzte während der goldenen Arkade-Ära häufig auf diese dynamische Anzeige und schuf so einige der berühmtesten Videospiele aller Zeiten.

Beliebte Atari Klassiker mit Vektorgrafik

  • Asteroids (1979)
  • Battlezone (1980)
  • Tempest (1981)
  • Star Wars (1983)

Minestorm: der eingebaute Asteroids-Klon des Vectrex. (Bild: Milton Bradley)
Minestorm: der eingebaute Asteroids-Klon des Vectrex. (Bild: Milton Bradley)
Zusätzlich zur imposanten Hardware enthält das Vectrex gleich ein Programm fest auf der Platine vorinstalliert. Das Spiel "Minestorm" verkörpert einen reinrassigen Asteroids-Klon der dem Original in keiner Weise nachsteht und stundenlang handfeste Weltraum-Action garantiert. Zahlreiche weitere Spiele konnten jederzeit in den seitlichen Modulschacht eingesteckt werden. Insgesamt erschienen rund 30 Games und Anwendungen, die meisten davon sind knallharte Space-Shooter, ein Genre das sich ganz hervorragend für die ungewöhnliche Grafik eignete. Um das zugegeben triste Schwarzweiß-Bild etwas aufzupeppen bestand die Möglichkeit, stabile bunte Plastikfolien (Overlays), die in der jeweiligen Packung mit beilagen, vor dem Monitor zu klemmen. Aber auch ohne diese speziellen Folien überzeugte der in Echtzeit (durch die CPU) gezeichnete Bildaufbau mit seiner extrem scharfen Anzeige. Selbst nach all den Jahren bleibt es rätselhaft, warum sich dieses Konzept nicht erfolgreich durchgesetzt hat. Allerdings betrug der Preis bei der Einführung in Deutschland stolze 499 DM (199 $ in den USA), dadurch lag das Gerät sicherlich am oberen Limit jeder herkömmlichen Haushaltskasse.

Vectrex Overlay für Armor Attack. (Bild: Milton Bradley)
Vectrex Overlay für Armor Attack. (Bild: Milton Bradley)
Vectrex Overlay für Scramble. (Bild: Milton Bradley)
Vectrex Overlay für Scramble. (Bild: Milton Bradley)

Bei komplexen Darstellungen begann das Bild leicht zu flackern, was leider oft als Defekt verstanden wurde. In Wirklichkeit lag der Mangel aber an den technischen Leistungsgrenzen des Prozessors. Dennoch existieren einige ganz hervorragende Programme. Keine Frage, damals galt die Arkade als das Maß aller Dinge und weil hier echte Vektorgrafik zum Einsatz kam, gehören gerade die Umsetzungen verschiedener Spielhallenhits zu den absoluten Highlights.

Armor Attack - ein 2D-Panzerspiel der Extraklasse. (Bild: Milton Bradley)
Armor Attack - ein 2D-Panzerspiel der Extraklasse. (Bild: Milton Bradley)
Allen voran das atemberaubende Armor Attack. Ein 2D-Panzerspiel mit zahlreichen Barrieren, ähnlich dem VCS-Modul Combat. Jedoch mit dem Unterschied das hier die Spieler nicht gegeneinander, sondern auch im Team gemeinsam Angreifer bekämpften. Feindliche Boden- und Lufteinheiten machten unseren mobilen Jeeps das (Über-) Leben schwer. Dieser kooperative Modus eröffnete völlig neue Strategien, nur der separat gezählte Punktestand zeigte bei einem Zweipersonen-Match am Ende den Gewinner. Ich erinnere mich daran, dass einige Kaufhäuser in München ihren jüngeren Kunden das Spiel nicht gerne vorführten, weil die militärischen Fahrzeuge, vor allem der Helikopter dort so unglaublich realistisch aussahen. Den Mitarbeitern kamen bei solch martialischem Inhalt ernsthafte Bedenken was den Jugendschutz anbelangte.

Scramble - der Höllenflug im Vektorland. (Bild: Milton Bradley)
Scramble - der Höllenflug im Vektorland. (Bild: Milton Bradley)
Mindestens genauso überzeugend wie Amor Attack präsentiert sich die rundum gelungene Adaption des Spielautomaten Scramble. Die Konvertierung ist noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Vorlage eigentlich herkömmliche Bitmap-Grafik verwendet. Konami's Scramble glänzt auf dem Vectrex besonders durch seinen abwechslungsreichen, spannenden Levelaufbau. Die Verwendung unterschiedlicher Waffensysteme (Bomben und Schnellfeuerkanone) machen den Höllenflug über das feindliche Areal zu einem imposanten Arkade-Erlebnis. Aus der offiziellen Produktpalette gilt Cosmic Chasm als ein echter Geheimtipp. Das Spiel erinnert wieder an Asteroids, hat sogar die gleiche Schub-Steuerung, ist aber um einiges komplexer als der berühmte Atari Automat.

Die kosmische Kluft

Zu den Grundelementen spielt hier der Faktor Zeit eine bedeutende Rolle. In der "kosmischen Kluft" wächst stetig ein Nuklearkern in der Mitte des Bildes, der langsam größer wird und den Bewegungsradius deutlich einschränkt. Ein Feature das die Spannung erheblich steigert. Als wäre das noch nicht genug, muss das Raumschiff zuletzt mit einem Bohrer seinen Fluchtweg öffnen. Dieser Vorgang darf nur äußerst bedächtig erfolgen, wird man zu schnell, zerschellt das Schiff gnadenlos an scharfkantigen Felsen. Neben den ständig wachsenden Kern attackieren uns scharenweise Gegner, nichts für schwache Nerven also, hier kommt bestimmt keine Langeweile auf! Alle vier Feuerknöpfe sind einzeln belegt, ein Novum für ein Konsolenspiel dieser Generation.

Deutliche Schwächen offenbarte das System dagegen bei seinen beiden Autorennen. Der Joystick vermittelte nur ein sehr begrenztes Fahrgefühl, zusätzlich wirkte die Schwarzweiß-Grafik im Vergleich mit Simulationen anderer Anbieter ziemlich trist. Leider war auch der Sound nicht in der Lage eine spannende Atmosphäre zu produzieren. Zu dieser Zeit gab es durch die Mitbewerber bereits erheblich bessere Autorennen. Dafür entschädigte erneut die berauschende Geschwindigkeit unserer Boliden auf den digitalisierten Rennstrecken von Pole Position oder Hyperchase.

Auf der nächsten Seite erfahrt ihr, welche Spiele es für das Vectrex noch gibt und was es mit dem legendären 3D-Imager auf sich hat.



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