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Die Atari VCS Bundesliga

08.07.2010 · 9 Kommentare

Die Atari VCS Bundesliga

Oben: Die Atari VCS Bundesliga war eine der ersten Videospieler-Communities. (Bild: Atari)

Der Stellenwert von Multiplayer- und Onlinespielen ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen, nicht zuletzt auch dank World of Warcraft, dem populären Rollenspiel aus dem Hause Blizzard. Der besondere Reiz des Gameplays liegt dabei in der Kooperation mit realen Personen. Ein Erlebnis, dass selbst die gewiefteste KI ziemlich alt aussehen lässt. Aber das Verlangen, Videospiele gemeinsam zu betreiben, existiert nicht erst seit der Welt von Azeroth. Schon in den frühen 1980er Jahren, als die Atari VCS-Konsole das Wohnzimmer eroberte, wollten wir nicht einfach nur alleine vor dem Bildschirm sitzen.

Aus diesem Wunsch heraus bildete sich im Jahr 1982 mit der Atari VCS Bundesliga die vermutlich weltweit erste überregionale Gemeinschaft von Videospielern. Natürlich darf man diese Vereinigung nicht mit einer modernen Sportliga vergleichen. Das Projekt entstand anfangs aus reiner Eigeninitiative, ohne Unterstützung der Firma Atari oder anderer kommerzieller Unternehmen. Die komplette Organisation und Arbeit lag damals in der Hand von nur einer einzigen Person: Bundesligapräsident Armin Stürmer aus Wiesbaden. Bei Armin Stürmer standen Spaß, Teamgeist und die Faszination einer neuen interaktiven Unterhaltungsform immer an erster Stelle.

«It's good to play together.»

Xbox Werbeslogan von 2003

Als private Community wurde die VCS Bundesliga anfangs nicht besonders ernst genommen und teilweise sogar belächelt. Doch mit der rasant ansteigenden Mitgliederzahl änderte sich dies mit der Zeit. Auch Atari konnte die Bundesliga auf Dauer nicht einfach ignorieren. Armin Stürmer hatte eine Organisation ins Leben gerufen, die ein sehr großes Käuferpotential verkörperte. Seinen unermüdlichen Einsatz belohnte das Unternehmen später mit einem Stellenangebot als freier Mitarbeiter, zur besseren Betreuung der zahlreichen Fanclubs.

Ein Auszug aus dem offiziellen Atari Club Magazin vom März 1983. (Bild: Atari)
Ein Auszug aus dem offiziellen Atari Club Magazin vom März 1983. (Bild: Atari)


— Die Atari Welt trauert um Armin Stürmer —

Armin Stürmer verstarb nach langer Krankheit am 5. Februar 1998. Aus diesem traurigen Anlass möchten wir ihm den folgenden Beitrag widmen, seinem Lebenswerk, der VCS Bundesliga und das unglaubliche Engagement, das er für die Gemeinschaft der Videospieler aufbrachte.



Keiner kennt den Beginn der Bundesliga besser als Armin Stürmer. Deshalb folgt als Einleitung ein kurzer Auszug aus dem Atari Bundesliga Magazin vom Februar 1983.

Die Geschichte der Atari VCS Bundesliga

ORIGINALTEXT VON ARMIN STÜRMER

„Langeweile war der ausschlaggebende Punkt, warum ich überhaupt auf die Idee kam mir ein Telespiel zu kaufen. Das geschah im November 1980, die Weihnachtsdekoration wurde in den Schaufenstern der Kaufhäuser gerade aufgebaut. Ab und zu konnte man schon Konsolen entdecken, meist Pong oder ähnliche Geräte mit einer Auswahl verschiedener Spiele, einige sogar noch in schwarz-weiß. Diese waren für mich jedoch nicht interessant genug, da ich hier keine Möglichkeit besaß, weitere Module nachzukaufen. Atari hatte auch ein Gerät im Laden stehen, das CX 2600. Für mich zuerst nicht in der engeren Auswahl, weil der Verkäufer mir erzählte, dass jede Kassette nur ein Spiel beinhaltet und es außerdem für die gebotene Leistung viel zu teuer sei. Daraufhin besorgte ich mir ein Gerät mit Spielkassetten für bis zu 20 DM. Den ersten Abend ausprobiert: totlangweilig!

Am nächsten Tag schaute ich mir das Atari VCS doch noch einmal etwas genauer an, nachdem mir der äußere Eindruck eigentlich sehr gut gefiel. Inzwischen war auch ein anderer Verkäufer vor Ort, der überzeugte mich schnell von der eigentlichen Qualität dieser Konsole. So beschloss ich mein erstes Telespiel umzutauschen. Gesagt, getan! Die erste Nacht spielte ich komplett durch, da ich mich einfach nicht mehr von meinem Atari trennen konnte. Ein paar Stunden Schlaf erschienen mir jetzt nicht mehr wichtig. Ich bekam gerade noch so mit wie plötzlich mein Wecker klingelte. Trotz Müdigkeit ging ich zur Arbeit, aber all meine Gedanken kreisten nur um meine „High Scores“. Am nächsten Abend traf ich mich dann mit meinen Freunden, um nun endlich auch miteinander zu spielen. Nach einigen Tagen gründeten wir gemeinsam einen Club. Dies erfolgte genau am 10.11.1980. Unsere Gründung teilten wir damals schriftlich Mister Atari mit. Bald darauf erhielten wir die Nachricht, dass wir als Club eingetragen sind und somit auch bei offiziellen Veranstaltungen mitmachen durften.

Auszug aus dem offiziellen Atari Club Magazin, Juli 1981. (Bild: Atari)
Auszug aus dem offiziellen Atari Club Magazin, Juli 1981. (Bild: Atari)

Um zu sehen wie sich unsere Leistungen verbesserten legten wir eine Rekordliste an und trugen ständig Wettkämpfe untereinander aus. Zu diesem Zweck bastelten wir als Wanderpokal ein VCS-Gerät originalgetreu nach, und zwar aus Streichhölzern! Circa zwei Monate später, im Januar 1981, erreichte uns das Atari Magazin. In diesem Heft fanden wir weitere Clubs abgedruckt, die sich ebenfalls angemeldet hatten. Wir beschlossen diese Clubs anzuschreiben und zu einem Zweikampf herauszufordern. Ziemlich schnell bekamen wir eine Rückantwort. Offenbar hatten Sie genau die gleichen Interessen wie wir!“

1982 – Die VCS Bundesliga geht an den Start
So beschrieb Armin Stürmer damals die frühen Anfänge, doch bis zur Bundesliga war es noch ein langer Weg. Im Jahr 1981 veranstaltet der AMC unter seiner Führung zunächst verschiedene regionale Turniere im Großraum Wiesbaden. Dadurch kam es zu immer weiteren Kontakten aus der gesamten Bundesrepublik. Eines Tages reifte die Idee heran, eine eigene Liga für Videospiele ins Leben zu rufen. Irgendjemand musste diesen verrückten Gedanken nur in die Tat umsetzen, Armin Stürmer war genau der richtige Mann dafür.

«Als ich Anfang 1980 Atari Deutschland ins Leben rief, war ich davon überzeugt, dass dieses Produkt nicht nur mich unglaublich ansprechen wird, sondern auch eine Vielzahl anderer Spielefans in Deutschland. Daß sich daraus allerdings so etwas wie eine feste Fan-Gemeinde herausbilden würde, war für mich nicht vorhersehbar.»

Atari Manager Klaus Ollmann über die VCS Bundesliga (9/1983)

Im Jahr 1982 kämpften erstmals knapp 30 Clubs landesweit um den Titel „Deutscher Meister“ in Disziplinen wie Space Invaders, Asteroids, Defender oder Pac-Man. Gespielt wurde nach einem ausgeklügelten Regelwerk, eingeteilt in insgesamt vier verschiedene Kategorien. Jedes Spiel hatte dabei ein genau vorgegebenes Zeitlimit von 15 oder 30 Minuten pro Teilnehmer und oft stand auch nur ein einziges „Leben“ zur Verfügung. Um hier erfolgreich zu sein, reichte es nicht aus, besonders lange zu spielen, man musste alle Level geschickt absolvieren und möglichst viele Bonuspunkte einsammeln. Diese Methode trug ohne Zweifel ein hohes Risiko mit sich. Purer Nervenkitzel, ein einziger kleiner Fehler konnte das gesamte Clubresultat gefährden. Durch das begrenzte Zeitlimit erschienen manche Rekorde für außenstehende Personen nicht unbedingt hoch, vor allem wenn man mit den Regeln nicht genau vertraut war. Tatsächlich machte sich die Zeitschrift Telematch einmal über die erreichten Punktzahlen bei Pac-Man etwas lustig, dabei wurden alle Ergebnisse in einem bestimmten Zeitraum absolviert, dass wussten die Redakteure Helge Andersen und Hartmut Huff aufgrund ihrer fehlenden Recherche aber scheinbar nicht. Eigentlich sollten die Vorgaben von Armin hauptsächlich endlos lange Spielzeiten verhindern.

Titelblatt für das Mitglieder-Verzeichnis der Atari Bundesliga. (Bild: Atari)
Titelblatt für das Mitglieder-Verzeichnis der Atari Bundesliga. (Bild: Atari)

High-Score Heft 1 vom 1. Mai 1983. (Bild: Atari)
High-Score Heft 1 vom 1. Mai 1983. (Bild: Atari)
Die Clubs trugen so klangvolle Namen wie Atari Devils, WMN Video-Commanders, oder German Space Defenders. Alle drei Monate startete eine neue Spielrunde, die Punktzahlen der einzelnen Teams addierten sich je nach der gewählten Gruppe aus mindestens drei Teilnehmern zusammen, daraus wurde dann der Durchschnitt ermittelt. Die Meisterschaft konnte man also nur gemeinsam erringen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse, auch die der einzelnen Spieler, erfolgte ebenso vierteljährlich in einem High-Score Heft. Hier konnte jeder Mitspieler den aktuellen Tabellenplatz einsehen und seine Leistungen mit denen der anderen Bundesliga-Clubs vergleichen. Am Jahresende standen die Siegerteams aus den vier Spielrunden fest. In einer Ära ohne Internet ist das High-Score Heft der VCS Bundesliga ein einzigartiges Nachschlagewerk für Spielergebnisse aus ganz (West-) Deutschland.

High-Score Heft 2 vom 5. September 1983. (Bild: Atari)
High-Score Heft 2 vom 5. September 1983. (Bild: Atari)
High-Score Heft 3 vom 18. Dezember 1983. (Bild: Atari)
High-Score Heft 3 vom 18. Dezember 1983. (Bild: Atari)



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9 KOMMENTARE

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    Guido kommentierte zu oben
    am 24.04.2016 um 19:49 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Ingo Paar vom ATC Lünen hat mich mit seiner legendären Ente damals sogar in Bayern besucht. Walter Lauer kam 1983 gemeinsam mit mir zusammen nach Wiesbaden. Die Fangemeinde der Atari Bundesliga sorgte für zahlreiche Freundschaften und Treffen in der gesamten Bundesrepublik. Es war wirklich eine tolle Gemeinschaft, mit einigen Personen halte ich tatsächlich bis heute noch Kontakt. Bundesliga Magazine als Scans kann ich leider nicht anbieten, falls hierzu jemand brauchbare Quellen kennt, würde ich mich sehr darüber freuen!



    Gunnar Kanold kommentierte zu oben
    am 26.04.2016 um 07:50 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Nicht öffentlich zum Download. Aber bei mir per Email.













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