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Unser Atari Club von 1986

01.08.2010 · 2 Kommentare

Unser Atari Club von 1986

Oben: Kinder und selbstgegründete Computerclubs. Ein interessantes Phänomen der 1980er Jahre. (Bild: André Eymann)

Mitte der 1980er Jahre finden Computer in den deutschen Haushalten eine immer größere Verbreitung. Die Zeiten, in denen Computer User als Freaks abgestempelt wurden, sind vorbei. Eine neue Generation von Heimcomputern will die Wohn- und Kinderzimmer erobern. Inspiriert von Apples neuem graphischen Betriebssystem, das man erstmals mit der Computermaus bedienen konnte, entwickelten die Computerfirmen Atari und Commodore ihre ersten 16 Bit Maschinen, die sich ebenfalls mit der Maus bedienen ließen.

Von nun an waren die so genannten Heimcomputer den Personalcomputern (PCs) von der Leistung her ebenbürtig, die Grenze zwischen den typischen Heimcomputern und den PCs verwischte. Die bis dahin dominierenden 8 Bit Computer wurden im Preis radikal gesenkt und ein für viele kleinere Computerhersteller ruinöser Konkurrenzkampf begann, in Folge dessen die meisten Computersysteme innerhalb weniger Jahre vom Markt verschwanden. Auch ich erkannte das gewaltige Potenzial, das in den neuen 16 Bit Maschinen steckte.

Mein Atari 520 ST+ Computer von 1985 mit dem damals unglaublich viel anmutenden RAM von einem Megabyte. (Bild: Torsten Othmer)
Mein Atari 520 ST+ Computer von 1985 mit dem damals unglaublich viel anmutenden RAM von einem Megabyte. (Bild: Torsten Othmer)

Atari kam Commodore mit der Markteinführung seines 520 ST Computer zuvor und war wesentlich preiswerter als der Amiga von Commodore. Letztendlich war mein Atari mit gleicher Peripherie, sprich Diskettenlaufwerk und Monitor, sogar günstiger als der nur wenige Jahre zuvor gekaufter 8 Bit Computer von Spectravideo. Aber kann man sich heute noch vorstellen, einen Computer zu erwerben, für den es außer der Programmiersprache BASIC keine Programme gibt, die man darauf hätte laufen lassen können? So war das damals jedenfalls, wenn man sich ein gerade erst neu auf dem Markt erschienenes Computersystem zulegte. Da stand er nun mein brandneuer 16 Bit Computer und zauberte gestochen scharf Laufwerkssymbole, Fenster und Pull Down Menüs auf den Schwarzweiß-Monitor.

«Kann man sich heute noch vorstellen, einen Computer zu kaufen, für den es keine Programme gibt?»

Torsten Othmer

Fast 3.000 DM hatte ich dafür von meiner mühsam ersparter Ausbildungsvergütung ausgeben müssen und nun versuchte ich mit dem nur halb fertigen und voller Programmierfehler steckenden Atari BASIC, eigene Programme zu schreiben. Literatur oder gar Programmiervorlagen gab es schon gar nicht. Und jemand mit dem ich mich austauschen konnte auch nicht, denn in der kleinen Stadt, in der ich wohnte kannte ich niemanden der einen solchen Computer besaß. Das sollte sich aber an jenem Tag ändern.

Eine Freundschaft entsteht

Es war Januar 1986 und ich stand im Schmuddelwetter vor dem Schaufenster eines kleinen Computergeschäftes in Aurich. Jene Provinzstadt im Herzen Ostfrieslands gelegen bot für Computerfreaks nicht gerade viel. Es gab keine großen Kaufhäuser mit Computerabteilungen, wo man Gleichgesinnte treffen konnte oder die neuesten Computer hätte ausprobieren können. Ich schaute mir in diesem Schaufenster die ausgestellten Computer an die allesamt von der Leistung her nicht an meinen Atari heran kamen. Da bemerkte ich anhand des Spiegelbildes im Schaufenster, wie sich jemand hinter mich stellte und ebenfalls die Auslagen betrachtete. Dieser Junge war etwas kleiner und auch jünger als ich. Ich machte eine etwas abfällige Bemerkung über die im Fenster ausgestellten Computer und der Junge hinter mir antwortete zustimmend. So kamen wir ins Gespräch und es stellte sich schnell heraus, dass Erik, so hieß der Junge, ebenfalls einen Atari ST besaß. Was für ein Zufall, dachte ich mir und war mehr als glücklich, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. So trafen wir uns in den folgenden Monaten regelmäßig entweder bei ihm zu Hause oder bei mir.

Auf Besuch beim C64-Club

Mitte der 1980er Jahre gründeten sich überall in Deutschland so genannte Computerclubs. Dort trafen sich die Computerkids zum Austauschen von Programmen und zum Fachsimpeln. (Bild: Torsten Othmer)
Mitte der 1980er Jahre gründeten sich überall in Deutschland so genannte Computerclubs. Dort trafen sich die Computerkids zum Austauschen von Programmen und zum Fachsimpeln. (Bild: Torsten Othmer)
Im Frühjahr 1986 machte mich ein Freund auf den im Ort ansässigen Commodore Computerclub aufmerksam. Ich erkundigte mich nach dem nächsten Treffen und verabredete mich mit einem der Clubmitglieder. Zusammen fuhren wir dann zum angegebenen Treffpunkt.

Da der Club keine eigenen Räumlichkeiten besaß, wurde immer ein Treffen bei einem der Mitglieder des Clubs vereinbart. Nun saßen wir zu acht in einem doch recht engen Arbeitszimmer. Eines der Mitglieder schloss ein zweites mitgebrachtes Diskettenlaufwerk an den vorhanden Commodore 64 an. Mehrere Mitglieder packten ihre Disketten aus und legten sie zum kopieren auf den Schreibtisch. Während heftig über neueste Programme, Hardware Erweiterungen und das Programmieren von Spielen gefachsimpelt wurde, lief das Diskettenlaufwerk heiß und kopierte eine Diskette nach der anderen. Als Atari Fan konnte ich natürlich nicht all zu viel zur Diskussion beitragen. Ganz im Gegenteil, ich musste mich streng mit irgendwelchen missgünstigen Äußerungen jeglicher Art über Commodore zurückhalten, wenn ich nicht riskieren wollte, herausgeworfen zu werden. Denn Atari und Commodore User waren Mitte der 1980er Jahre nicht gerade gut aufeinander zu sprechen, da jede Fraktion natürlich das bessere Computersystem hatte und da gab es nichts, zu spaßen. Es gab sogar vereinzelt handfeste Rangeleien auf den Schulhöfen zwischen den beiden Systemanhängern. Wenn ich aber die Vielfalt der zur Verfügung stehender Software für den C64 betrachtete, wurde ich schon ein wenig neidisch. Erik und ich hatten so gut wie gar nichts für unseren Atari ST und sahen da ziemlich alt aus.

Wir gründen einen Computerclub

Übersicht der ST-Clubs aus der ST-Computer, Ausgabe November 1986. (Bild: Heim-Verlag)
Übersicht der ST-Clubs aus der ST-Computer, Ausgabe November 1986. (Bild: Heim-Verlag)
Am nächsten Tag berichtete ich Erik über das Treffen und wir schmiedeten die Idee, ebenfalls einen Computerclub zu gründen. Denn so, dachten wir uns, kommen wir an all die tollen Programme heran, nach denen wir uns sehnten. Wir suchten natürlich auch den Erfahrungsaustausch mit anderen Atari Usern. Da entdeckte ich in der ST-Comuter, einer erst vor kurzen neu kreierten Fachzeitschrift für Atari ST Computer, eine Rubrik nur für Computerclub Vorstellungen. Hier musste unsere Anzeige erscheinen, teilte ich meinem Freund Erik mit. Da das Inserat auch noch kostenlos war, gab ich sofort den Text dafür an die Redaktion dieser Zeitschrift. Und in der Tat, kurz nach Veröffentlichung unserer Anzeige in der Novemberausgabe des Magazins meldeten sich eine ganze Reihe von potentiellen Mitgliedern. Sogar Post aus dem entfernten Polen traf bei mir ein. Dort hatte doch tatsächlich jemand unsere Anzeige gelesen und uns angeschrieben. Leider handelte es sich bei diesem jungen Mann aber nicht um ein mögliches erstes Mitglied unseres Computerclubs. Vielmehr wurde um ein paar Disketten und Computerzeitschriften gebeten. Die Datenträger sollten dabei aber nicht leer, sondern mit Software bespielt sein.

Als Gegenleistung wurden mir polnische Computerzeitschriften angeboten. Ich hatte nicht wirklich Interesse an diesen Zeitschriften, kam aber der Bitte nach, kopierte meine besten Programme und sendete sie an die angegebene Adresse. Wunderbarerweise schafften es die Datenträger durch den Eisernen Vorhang des Kalten Krieges. Es entwickelte sich zwischen uns eine regelrechte Brieffreundschaft, so dass sich im Laufe der Zeit ein ganzer Stapel der versprochenen Polnischen Computerzeitungen bei mir anhäufte, welche ich bis heute aufbewahre.

Das erste Clubtreffen: Aufregung pur!

Titelblatt des polnischen Computermagazins Komputer vom Mai 1987. (Bild: Komputer)
Titelblatt des polnischen Computermagazins Komputer vom Mai 1987. (Bild: Komputer)
Nun aber wurde es ernst mit unserem Club. Mein Freund und ich berieten uns ganz aufgeregt, wo und wann wir denn nun das erste Treffen abhalten könnten. Da wir niemanden von den potentiellen Neumitgliedern kannten, beschlossen wir, unser erstes Treffen ohne Computertechnik im Haxtumer Hof abzuhalten. Dieser lag ganz in der Nähe von meinem Elternhaus und ich kannte den Wirt recht gut. Nachdem ich dort einen Tisch buchte, rief Erik die Interessenten an, erklärte die Anfahrt und gab den Termin unseres ersten Treffens durch. Ein paar Tage später saßen wir unsicher und nervös in der Gaststätte und tranken unsere Cola.

Den Telefonaten nach zu urteilen, schienen unsere zukünftigen Mitglieder zum Teil erheblich älter zu sein als wir. Wir als junge Computerfreaks hatten bis jetzt eigentlich fast nur mit Gleichaltrigen zu tun. Erwachsene trauten sich in der Regel nicht an die Computertechnik, geschweige denn in einen Computerclub. Pünktlich tauchte auch schon unser erster Interessent auf. Nach und nach kamen dann auch alle zugesagten Personen und sogar noch mehr. Jetzt saßen wir fast zu Zehnt an unseren mittlerweile schon etwas beengten Tisch. Wir stellten uns gegenseitig vor und waren über die große Resonanz begeistert und sprachlos zu gleich. Wir beide waren mit Abstand die jüngsten in der Runde. Und es ging gleich zur Sache. Viele Dozenten, ein Student und ein Verwaltungsangestellter saßen uns nun gegenüber. Ich dachte mir nur, das kann ja heiter werden. Unsere Interessen waren grundverschieden, was nicht hieß, das wir im geplanten Club nicht harmonieren könnten. Denn mein Freund und ich kannten uns natürlich bestens mit dem Atari aus und konnten so super Hilfestellung bei der Benutzung dieser Geräte geben. An Spielen waren diese Leute aber eher weniger interessiert, da mussten wir doch Abstriche machen. Aber unsere zukünftigen Mitglieder schienen es mit dem Club, ernst zu nehmen.



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