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Buchrezension: Und dann kam Tetris

18.06.2016 · 8 Kommentare

Buchrezension: Und dann kam Tetris

Oben: Das Buchcover von „Und dann kam Tetris“. (Bild: André Eymann)

Knapp 160 Seiten über Tetris. „Wird das überschaubare Spiel von Paschitnow genug Stoff für ein ganzes Buch bieten?“. Mit diesem ersten Gedanken blätterte ich das Buch von Christian Gehlen auf und fand mich wenig später im sonnenverwöhnten Kalifornien wieder.

Die Reise des - übrigens bilderlosen - Werks beginnt also nicht, wie man erwarten könnte, in Moskau - der Heimat des Tetris Entwicklers. Vielmehr liegt der Ausgangspunkt im Jahre 1969 bei „Ampex“, einer amerikanischen Firma, die einen gewissen Nolan Bushnell beschäftigte.

So steigt der Leser direkt in die Vorgeschichte von Atari ein und erlebt mit, wir Nolan seine zweijährige Tochter Britta aus ihrem Kinderzimmer umquartiert, um dort fieberhaft mit dem Bau seines ersten Videospielautomatens Spacewar! zu beginnen. Den weiteren Verlauf dieser Episode, in der wir auch „alte Bekannte“ wie Bill Nutting oder Ted Dabney treffen, kennen die meisten Videospieleveteranen vermutlich aus dem Effeff.

Der Eingang der Atari Hauptzentrale in Los Gatos, 1975. (Bild: The Golden Age Arcade Historian)
Der Eingang der Atari Hauptzentrale in Los Gatos, 1975. (Bild: The Golden Age Arcade Historian)

Allerdings vermag der Autor so kurzweilig zu erzählen, dass es Spaß macht, die Geschichte noch einmal zu durchleben. Viele Anekdoten der goldenen Spieleära lockern das Buch auf und vermeiden, dass der Leser - wie in manch anderen Publikationen - mit Zahlen und zu vielen Fakten gelangweilt wird.

So wehte mir beim Lesen der symbolische Geruch von Marihuana um die Nase, als ich von Drogensüchtigen, Hehlern und Mitgliedern von Motorradgangs las, die bei Atari für unter 2 USD die Stunde beschäftigt waren, um Motorola-Fernseher für die Automatenproduktion zu zerlegen. Job well done.

35 Seiten später, im Jahre 1984, hatten die Hippies von damals dann die Spieleindustrie zerlegt. Was zum großen Konsolencrash führte, ist nachvollziehbar beschrieben und leitet gelungen in das nächste Kapitel „Der Drache kommt“ über. Leicht zeitversetzt spielt die Geschichte nun in Japan. Genauer gesagt in Kyoto.

Die Story von Minoru Arakawa, seiner Frau Yoko Yamauchi und ihrem Vater Horishi Yamauchi wird unverändert locker wiedergegeben. Im Gegensatz zum amerikanischen Auftakt tauchen wir hier in die traditionsgetränkte Welt Japans ein. Ein schöner Gegensatz.

Die Geburtstunde von Donkey Kong beschreibt der Autor ungefähr so: „Wie heißt der neue Programmierer denn?“. „Shigeru Miyamoto.“ „Wer?“ - Der Rest ist Legende.

Miyamotos gänzlich anderer Ansatz Videospiele erzählen zu wollen, gepaart mit einer gehörigen Portion Mut des Unternehmens Nintendo, ermöglicht Mitte der Achtziger Jahre tatsächlich einen „Reboot“ der Spielebranche. Raumschiffe gegen knuffige Klempnerbrüder. Die Geburt des NES. Und spätestens hier hat der Autor die Generation „Super Nintendo“ eingefangen. Auch erfährt der Leser, wer Mario seinen echten Namen gebeten hat und wie der wegweisende Rechtsstreit zwischen NOA (Nintendo of America) und MCA ausging. Ab Seite 94 dreht sich alles um Nintendo, das NES und seine Spiele.

Shigeru Miyamoto präsentiert Super Mario World am NES. (Bild: ciberculturaconvos.blogspot.de)
Shigeru Miyamoto präsentiert Super Mario World am NES. (Bild: ciberculturaconvos.blogspot.de)

Erst unerwartet spät im Buch kommen wir zu Tetris und wechseln erneut den Schauplatz von Japan ins kalte Moskau. Hier haben Alexej Paschitnow und der Klon eines PDP-11 Rechners das Wort. Leider beginnt das Buch in diesem Kapitel den Lizenz-Hick-Hack von Tetris unnötig ausgedehnt zu beschreiben, so dass es an Spannung verliert. Zwar laufen am Ende die Fäden der Beteiligten wieder zusammen, aber über Tetris selbst erfährt man zu wenig.

Der kompakte Appendix „Kunst“ bietet einige interessante Hintergründe zu klassischen Videospielen und ihrer Bedeutung in der Gesellschaft.

Als Fazit bleiben Licht und Schatten. Während das Buch packend beginnt, verliert es leider zum Ende etwas an Spannung. Christian Gehlens Werk behandelt im Schwerpunkt die Geschichte der Videospiele aus Sicht von Atari und Nintendo und bietet weniger über Tetris selbst, wie man vom Titel erwartet hätte. Da sich aber der Schreibstil flüssig und unterhaltsam liest, kann das Taschenbuch dennoch in das Gepäck für den Sommerurlaub.



Interview mit dem Buchautor

ORIGINALTEXT VOM 17. JUNI 2016

Der Autor von „Und dann kam Tetris“ (Bild: Christian Gehlen)
Der Autor von „Und dann kam Tetris“ (Bild: Christian Gehlen)
André Eymann: Was war der Auslöser für Dein Buch? Warum wolltest Du es schreiben?

Christian Gehlen: Eigentlich wollte ich nur einen längeren Text über Tetris verfassen - das hat sich dann irgendwann verselbständigt. Zur Vorgeschichte kam noch die Vorgeschichte der Vorgeschichte dazu und so weiter. Am Ende stand dann ein thematischer Bogen von der Ursuppe der Videospielgeschichte bis hin zu Tetris. Geschrieben habe ich es aus Spaß am Schreiben und aus Spaß am Thema an sich. Mit ein bisschen Glück wollen es jetzt sogar andere Leute lesen und haben sogar Spaß dabei.

André Eymann: Du benennst im Anhang mehrere Recherche-Quellen. Wie bist Du bei der Recherche vorgegangen und welche Quelle war Deine wichtigste?

Christian Gehlen: Eigentlich war während der gesamten Schreibzeit der Gang zur Bibliothek am Wichtigsten. Es gab immer wieder mal Momente, in denen ich mit einigen Passagen unzufrieden war, weil sie sich inkohärent anfühlten. Also habe ich in der örtlichen Bücherei immer wieder mal Bücher geliehen und das Zeitschriftenarchiv durchwühlt, um an den einen oder anderen Informationshappen zu kommen. Das war eher die simple Art der Recherche. Ich hatte aber nie den Anspruch, eine wissenschaftlich fundierte Analyse oder sonst eine komplexe Sache aus dem Ganzen zu machen, mir ging es hauptsächlich ums Erzählen und ein bisschen Unterhalten. Die historischen Fakten wollte ich schon möglichst korrekt wiedergeben, aber wenn man sich zu sehr darin hineinbuddelt, fehlt einem Text irgendwann die Zugänglichkeit. Und ein Text, der nicht unterhält, wird nicht zu Ende gelesen.

André Eymann: Wie lang hast Du an Deinem Buch getextet?

Christian Gehlen: Ich hab es nicht am Stück geschrieben, sondern immer wieder mal daran gearbeitet. Ich habe ja einen Hauptberuf, den ich in Vollzeit ausübe, von daher wurde am Buch immer wieder mal nach Feierabend getextet - wenn die Laune und die innere Motivation es zuließ. Wie lange sich dieser ganze Prozess hingezogen hat, kann ich nicht mehr genau sagen - es waren bestimmt zwei Jahre, und dann brauchte mein Verleger ja noch ein wenig Zeit, um das Manuskript zu prüfen, lektorieren zu lassen und letztlich Druck und Vertrieb anzuleiern. Die erste Testleserin war dann meine Frau, die mit dem Thema Videospiele so überhaupt gar nichts an der Mütze hat, aber gerade deswegen als erste Kritikerin perfekt geeignet war.

André Eymann: Hast Du vor weitere Bücher oder Texte zu veröffentlichen?

Christian Gehlen: Bestimmt. Ich habe am Schreiben grundsätzlich Spaß, aber feste Pläne habe ich dafür nicht. Das mache ich alles nach Lust und Laune, vielleicht reizt mich irgendwann auch mal ein Thema, was mit Retrogaming gar nichts zu tun hat - man wird sehen. Oder ich hau spontan mal in die Tasten und frage an, ob das Ergebnis VSG gefällt. Oder ich mach doch gar nichts mehr. Da bin ich völlig entspannt.

André Eymann: Wo bist Du als Autor noch aktiv? Kann man Texte von Dir im Internet lesen?

Christian Gehlen: Ich war eine Zeitlang für verschiedenen Retro-Seiten tätig, die Texte dafür sind im Laufe der Jahre gemeinsam mit den Seiten aber aus dem Internet verschwunden. Zudem war ich auch fünf Jahre lang nebenher für die hiesige Tageszeitung als politischer Berichterstatter aktiv, wobei ich damals von den Sitzungen lokaler Fachausschüsse der hier ansässigen Stadtverwaltung berichtet habe, was eigentlich keine spannend zu lesende Thematik ist. Digitale Reste davon sind mir jetzt aber nicht bekannt.

André Eymann: Danke Christian, ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg!

Andre Eymann · 18.06.2016

  Alexei Paschitnow, Ampex, Andre Eymann, Atari, Buch, Christian Gehlen, Donkey Kong, Game Boy, Minoru Artkawa, Moskau, NES, Nintendo, Nolan Bushnell, Rezension, Shigeru Minamoto, Spacewar, Super Mario World, Taschenbuch, Tetris

ÜBER DEN AUTOR

Andre Eymann
Andre Eymann
Mich faszinieren Videospiele seit dem Anfang der 1980er Jahre. Damals begegnete ich dem Videospiel-Automaten Galaga in einer öffentlichen Gaststätte. Schnell erlag ich der Ausstrahlung der Maschine. Zu diesem Zeitpunkt war ich dreizehn Jahre alt. Im Sommer 2009 habe ich Videospielgeschichten.de gegründet. Mittlerweile schreibe ich regelmäßig Texte und veröffentliche - gemeinsam mit vielen verschiedenen Autoren - Artikel über Computer- und Videospielen auf meiner Internetseite oder in Form von Gastbeiträgen für andere Projekte. Zusätzlich gestalte ich das Erscheinungsbild der Seite und kümmere mich um die Organisation und Kommunikation von VSG.

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8 KOMMENTARE

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    GwynGaming kommentierte zu oben
    am 30.06.2016 um 10:54 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Ist das normal, dass meine Homepage im Kommentar selbst auftaucht? :)

    http://gwyn-gaming.blogspot.de/



    Andre kommentierte zu oben
    am 30.06.2016 um 12:34 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Hallo GwynGaming,

    danke für Deinen Kommentar! Ja, das mit der Homepage unter Deinem Kommentartext ist normal ;) Hättest Du es anders erwartet, oder einen Verbesserungsvorschlag?



    GwynGaming kommentierte zu oben
    am 30.06.2016 um 12:45 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Nö, alles in Ordnung! War bloß unerwartet, da ich das vorher noch nicht gesehen habe. Auf anderen Blogs wird die Adresse hinter dem Usernamen hinterlegt und man gelangt auf die Homepage bei einem Klick auf eben diesen. Also nur ungewohnt, aber vollkommen in Ordnung. :)

    http://gwyn-gaming.blogspot.de/



    Andre kommentierte zu oben
    am 30.06.2016 um 13:17 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Prima :) Ja, andere Webseiten machen das mit der Verlinkung hinter dem Namen. Aber VSG ist da etwas anders ;) So kann man die URL direkt dem Kommentator zuordnen und animiert den Leser vielleicht sogar etwas mehr zum "draufklicken".





    Andre kommentierte zu oben
    am 20.06.2016 um 20:49 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Danke :) Ja, so habe ich es zumindest empfunden. Aber für den nächsten Standurlaub ist es trotzdem bestens geeignet.



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