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Video Pinball Dreams

16.12.2014 · 3 Kommentare

Video Pinball Dreams

Oben: Ein Detail von Ataris Video Einball. (Bild: André Eymann)

Jenseits des Hudson River liegt der New Yorker Vorort Garrison. Hier leben fast nur die Cops vom NYDP. Es ist schon dunkel, als dort in einer kleinen Bar Sheriff Freddy Heflin seinen Feierabend damit verbringt Zigarette rauchend an einem Flipperautomaten zu stehen. Im Dot-Matrix-Display des Tisches spielt sich eine wilde Verfolgungsjagd ab, Schüsse fallen, ein Wagen überschlägt sich und geht in Flammen auf. Dann greift Heflin entschlossen zum Pistolenabzug an der Flippervorderseite und erledigt einen der bewaffneten Ganoven mit mehreren stakkatoartigen Schüssen.

Zurück auf dem Spielfeld springt die polierte Stahlkugel von den beiden Slingshots von links nach rechts hin und her, landet auf dem linken Flipper von wo aus der Sheriff sie wieder in die obere Tischhälfte bugsiert. Hier warten Bumper, Fallziele und Rampen schon darauf, für viele Punkte getroffen zu werden. Als das Spiel endet, will sich Heflin Münznachschub besorgen, doch der Cop Gary „Figgsy“ Figgis kann seinen Dollarschein nicht wechseln. Also versucht Heflin stattdessen sich etwas Kleingeld aus einer Parkuhr vor der Bar besorgen. Er öffnet den randvollen Automaten und als die Vierteldollarmünzen versehentlich zu Boden prasseln, steht Figgsy erhaben in der Tür und konstatiert, es gäbe „zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Flippertypen und Videotypen“. Freddy gehöre zu den Flippertypen, so sagt er.

Szene aus Cop Land mit Sylvester Stallone am LETHAL WEAPON Flippertisch (Bild: Miramax Films)
Szene aus Cop Land mit Sylvester Stallone am LETHAL WEAPON Flippertisch (Bild: Miramax Films)

Mit dieser Szene beginnt der 1997 erschienene Kino-Thriller COP LAND. Was genau Ray „Figgsy“ Liotta mit seiner Ansprache an „Sheriff“ Sylvester Stallone richtet und ob sie in dieser Form auch der Wahrheit entspricht, muss wohl ein jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht aber, dass zumindest eine strikte Trennung von Flipper- und Videospiel schon seit dem Erscheinen der ersten kommerziellen Telespiele in dieser Form nicht existiert. Denn bereits 1978 holt Atari das zu dieser Zeit populäre Flipperspiel auf den Bildschirm, zu Hause und in der Spielhalle.

«Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Flippertypen und Videotypen.»

Cop Land (1997)

Während die besagten „Flippertypen“ seit diesen frühen Tagen nicht müde werden zu betonen, dass nur der echte physikalisch existierende Flippertisch als die reine Pinball-Lehre zu betrachten sei, schießen die „Videotypen“ unbeeindruckt ihre Kugeln vor ihren Computern und Konsolen über den Schirm. Dabei ist die zuletzt genannte Gruppe in aller Regel auch offen dafür, gerne einmal eine Kugel an einem „richtigen Tisch“ zu spielen. über die Jahre hinweg ist im Bereich der Video Pinballs eine beachtliche Zahl an virtuellen Tischen erschienen und besonders durch den stetigen technischen Fortschritt stehen diese Spiele seit einiger Zeit wieder hoch im Kurs. Ich selbst bin seit den frühen Achtzigern sowohl von klassischen Flippertischen, als auch von Videospielen begeistert, sodass ich vor ca. zwei Jahren mehr oder weniger per Zufall tief in die Materie Flipperspiel - ob analog oder digital - eingetaucht bin. Für mich persönlich verwischt dabei die Grenze zwischen dem einen und dem anderen immer wieder gerne. Eine Konstante haben die beiden Disziplinen jedoch gemeinsam: Die Kugel erzählt eine Geschichte.

Szenenwechsel: Als ich 2011 im abendlichen Neonlicht eines kleinen Zeitschriftenladens in London für £4,99 Ausgabe 85 des Fachmagazins RETRO GAMER kaufe, kann ich noch nicht ahnen, dass ich mit diesem Betrag ebenfalls das Ticket in eine längst vergangene Epoche der Spielkultur gelöst habe. Auf Seite 36 beginnt in besagtem Magazin ein Bericht aus der „The Making Of ...“-Reihe, die sich in dieser speziellen Ausgabe mit der Entstehung von SONIC SPINBALL für SEGAs MEGA DRIVE auseinandersetzt. Auf der Zugfahrt zurück nach Deutschland hatte ich die Gelegenheit mich ausführlich mit diesem und den anderen Artikeln des britischen „award winning“-Magazins auseinanderzusetzen und - wie der Zufall es so will - ich hatte das Spiel sogar in meinem PLAYSTATION-3-Regal zu Hause. Das Gameplay des 1992 erschienenen Titels zitiert stark das klassische Spielprinzip eines Flippertisches und vermischt sie mit den bekannten Elementen von SEGAs Jump'n'Run-Helden Sonic. Der blaue Igel rollt und springt wie eine Kugel durch die unterschiedlichen Levels, wird von den Flippern hoch nach oben geschossen, prallt dort von den Bumpern ab, sammelt wertvolle Ringe auf und erfüllt so bestimmte Ziele, die den Zugang zur nächsten Spielebene ermöglichen. Durch SONIC SPINBALL stellte sich für mich während der wilden Jagd nach Trophäen und neuen Highscores ein regelrechter Flashback ein und ich erinnerte mich an meine ersten Begegnungen mit den Flipperspielen aus meiner Kindheit.

SONIC SPINBALL für das MEGA DRIVE. (Bild: Sega)
SONIC SPINBALL für das MEGA DRIVE. (Bild: Sega)

In dem saarländlischen Dorf in den Wäldern am Rande der Republik wo ich aufgewachsen bin ging ich mit meinem Vater manchmal in die alte Dorfkneipe auf der anderen Straßenseite, um ein paar Runden am Kicker zu spielen. Dort saßen vielleicht zwei oder drei Herren mittleren Alters am Tresen und diskutierten mit der kräftigen Frau hinter der Theke das aktuelle Tagesgeschehen und die politischen Zusammenhänge der frühen achtziger Jahre aus ihrer eigenen dörflichen Perspektive zu einem Glas Bier. Ich hingegen schaute mich mit meiner Flasche Fanta in der Hand dort etwas genauer um, denn außer dem schönen Kicker standen im rustikalen Dunst dieses Etablissements noch einige andere Unterhaltungsautomaten herum, an deren genaue Titel ich mich heute leider beim besten Willen nicht mehr entsinnen kann. Was ich jedoch noch erinnere: Es handelte sich definitiv um einige Telespielautomaten und ein paar Flippertische. Thematisch wurde wohl eine Auswahl an Weltraum-, Wildwest- und Zauberei-Abenteuern geboten. Bunte Lichter in dunklen Ecken, der unverkennbare Kneipengeruch, fremdartige elektronische Sounds die sich mit dem Klirren der Gläser und den Stimmen der Gäste zu der typischen Geräuschkulisse verweben, die die für diese Zeit so typische Spielkultur in den deutschen Gaststatten prägt.

Wenn wir beim Fußballspielen in der E- oder F-Jugend am Samstag siegreich vom Platz gehen konnten, gingen wir wie es echte Helden eben tun unter der Leitung unseres Trainers zum Mezzo-Mix-Trinken aus dem stilechten Stiefel in eine weitere Kneipe unseres Dorfes. Dort wurde nicht nur der Sieg gefeiert - es wurden Duplo- und Hanuta-Sticker getauscht, aktuelle Popmusik von den Schallplatten aus der Jukebox gespielt und so weiter. Und auch in dieser Kneipe stand wie selbstverständlich ein Flipperautomat. Die Mofafahrer von der Currywurstbude hinten an der Bushaltestelle hatten hier bestimmt schon mal eine Mark oder zwei eingeworfen und in ihren Lederjacken den ein oder anderen Punkterekord aufgestellt. Ein solches Glück war uns damals leider nicht beschieden. Das Taschengeld war für solche Abenteuer einfach zu knapp. Aber ein paar von uns Jungs studierten den Tisch mit leuchtenden Augen ganz genau. Wir malten uns in unserer Fantasie einfach aus wo die Kugel genau entlang rollen musste, damit es besonders im wirklichen Spiel besonders gut liefe. Aber so intensiv die Auseinandersetzung mit diesem Automaten auf diese Art und Weise auch gewesen sein muss: Ebenso wie bei den Tischen in der anderen Dorfkneipe kann ich heute nur darüber spekulieren wie der genaue Titel des Tisches gelautet hat.



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