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Endlich zusammen: mein C16 und ich

22.09.2013 · 17 Kommentare

Endlich zusammen: mein C16 und ich

Oben: Das Gehäuse des C16 war deutlich dunkler als das des C64. (Bild: Claudio Lione)

Es ist interessant zu sehen, wie sich Erinnerungen mit der Zeit langsam aber sicher anfangen zu verändern. So weiß ich heute nicht mehr ganz genau, wie einige Ereignisse meiner Kindheit zeitlich abgelaufen sind. Irgendwie erscheinen diese, oft wie parallele Zeitstränge, irgendwann in den 80ern stattgefunden haben. Jeder Event bildet eine eigenständige Geschichte im Kopf. Legt man jedoch die Fakten auf den Tisch, müssen diese zur gleichen Zeit erfolgt sein.

Worüber ich heute schreibe ereignete sich im Sommer des Jahres 1985. Ein Sommer wie man sich als Kind nur wünschen kann. Schwimmbad mit Videospielautomaten und Ferienprogramm im TV. Laut Wikipedia gab es auch damals schon unglaubliche Katastrophen in der Welt, die jedoch komplett an mir vorbeigingen, da mein kindliches Gemüt für so was kein Interesse hatte. Was jedoch nicht an mir vorbeiging waren die Musik-Charts. Und die wurden dominiert von Modern Talking, Phil Collins, Madonna und den viel zu früh gegangenen „King of Pop“ (R.I.P. Michael). Ach ja, die 80er...

1985 war ein tolles Jahr

Es war das Jahr in dem mich der Computervirus erfasste und nie wieder los lies. Es war das Jahr in dem ich zum ersten Mal einen Sommerjob antrat der mir auch heute 28 Jahre später ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn ich daran zurück denke. Die Zeit war so unbeschwert damals wie sie nun mal für einen 13-Jährigen sein kann und sie war bestimmt von nur einem Gedanken: ich will einen Computer!

Aber Moment. Nein, ich will nicht irgendeinen Computer. Ich will einen ganz bestimmten Computer: den Commodore 16. Warum? Die Konsolenzeit schien für mich vorüber gewesen zu sein. Ich hatte mein Schmidt TVG 2000 auf dem Flohmarkt zum Neupreis verkauft und war bereit für den nächsten Schritt der Videospielevolution: den Homecomputer.

«Konsolen der ersten und zweiten Generation waren 1985 out und das NES war noch nicht wirklich in den Kinderzimmern angekommen. Die Homecomputer waren auf ihrem Zenith.»

Ioannis Douloumis

In den Kaufhäusern waren sie alle zu sehen: Schneider CPC, ZX Spectrum, Commodore 64, Atari 600/800 XL, den TI-99/4 und hier und da auch ein Laser oder SVI. Auch meinen ersten Kontakt zu Apple Computern habe ich noch genau in Erinnerung. Es war ein Macintosh Plus. Die Computerabteilungen waren damals umzingelt von Kids die nur eins wollten: Zocken!

Das Commodore Datasettenlaufwerk 1531. (Bild: Claudio Lione)
Das Commodore Datasettenlaufwerk 1531. (Bild: Claudio Lione)
Als ich das erste Mal Ghosts 'n Goblins auf einem C64 sah, war ich fast geschockt, wie toll diese Arcade Umsetzung aussah! Dagegen konnte kein mir bekanntes Videospiel mithalten. Ja, das waren die Zeiten in denen es im Kaufhof, bei Quelle, Phora, Horten, Karstadt und wie sie alle hießen die Computerabteilungen gefüllt haben. Grünmonitor neben Farbmonitor, Floppy neben Datasette und jede Menge Joysticks. Nicht zu vergessen die Glasvitrinen, die verschlossen mit den ganzen Spielen auf Kassette oder Diskette auf die neugierigen Blicke der potentiellen Kundschaft warteten.

Ein Schlaraffenland, zu dem es nur einen Zugang gab, wenn man einen dieser Rechner sein Eigen nannte.

Der Platzhirsch im Freundeskreis war unumstritten der legendäre C64. Damals der „King of Games“. Aber für mich unbezahlbar. Meine Eltern hätten nie soviel Geld ausgegeben. Das wusste anscheinend auch Commodore. Denn Dank der klugen Commodoreköpfe sollte sich auch der kleine Geldbeutel bald an einem Homecomputer erfreuen können. Und ja, zu den kleinen Geldbeuteln zählte auch meiner.

Zwischen Gurken und Tomaten

Commodore bzw. der leider 2012 verstorbene Jack Tramiel hatte für mein Problem die Lösung. Da der mittlerweile veraltete VIC-20 auf dem absteigenden Ast war, musste in diese Low Price Nische schnell ein Ersatz rein.

Die Zeitschrift Computerwoche schreibt am 4. April 1986 zum Verkauf des C16 durch Aldi: Für etwa 160 Mark kann der Einsteiger einen Kleinstrechner samt Datasette, Basic-Kurs und Lehrbuch im Paket am Tragegriff mitnehmen. (Bild: Claudio Lione)
Die Zeitschrift Computerwoche schreibt am 4. April 1986 zum Verkauf des C16 durch Aldi: Für etwa 160 Mark kann der Einsteiger einen Kleinstrechner samt Datasette, Basic-Kurs und Lehrbuch im Paket am Tragegriff mitnehmen. (Bild: Claudio Lione)

Da er sich am Anfang sehr schlecht verkaufen lies, entschied Commodore den C16 als „Supersparpaket“ für den Computereinstieg an den Mann zu bringen. Der Vertriebsweg war für die Zeit auch besonders. Ob dieser Commodores Entscheidung war, oder die eines findigen Geschäftsmannes, ist mir unbekannt.

So fand man Mitte der 80er beim Tomatenkauf, direkt neben den Gurken und der Palette Top Star Cola ein etwas größeres Paket auf dem „Computerkurs“ stand.

Computer? dachte sich der Supermarktbesucher. Waren das 1985 nicht die Dinger die bald den Menschen am Arbeitsplatz ersetzen und die gegen die Menschheit selbst eine Rebellion starten werden? Ja! Tatsächlich konnte man hier im Aldi um die Ecke ein Stück Zukunft zum Paketpreis für, man halte sich fest, 150 DM erstehen. Das war ein Novum und ein Schnäppchen noch dazu. Und da dem Computer die Zukunft gehört und man dabei sein wollte, wurde die Milch und die Wurst etwas zur Seite geschoben, um dieses doch etwas große Paket noch in den Einkaufswagen zu bekommen.

«Der C16 war übrigens der erste Rechner, der von Aldi angeboten wurde. Heute absolute Normalität.»

Ioannis Douloumis

„Ein Supermarkt verkauft einen echten Computer!“ - schnell sprach sich das herum. Auf dem Schulhof erfuhr ich, wer schon alles zugeschlagen hatte. Einige meiner Schulfreunde hatten tatsächlich schon einen C16 zu Hause stehen. Oh Mann! Jetzt kann man sich vorstellen, dass so ein Angebot ratz-fatz ausverkauft ist. Und so war es auch. Ich habe den C16 nie wirklich mit eigenen Augen im Aldi gesehen. Jedoch war ich fest im Glauben, dass er noch dort auf mich warten würde, wenn ich so weit war das Geld zusammen zu haben.

Wie sich die nun folgenden Ereignisse zeitlich exakt zusammensetzen, kann ich nicht mehr genau sagen. Es sind aber meine Erinnerungen von damals. So beginnt die Story zu meinem Commodore 16 mit Arbeit. Schuld war...

Mein erster Sommerjob

Ein Nachbarsjunge erzählte mir, er habe einen Sommerjob, zu dem könnte er noch jemanden mitnehmen. Cool, dachte ich mir. Es handelte sich um einen Musikladen in der Stadt, den ich schon kannte, da meine Schwester dort Orgelunterricht bekam. Drei Wochen insgesamt, schwang ich mich morgens aufs Fahrrad und fuhr in die Innenstadt zu Musik Müller. Hier sollte ich eine meiner tollsten Sommerferien verbringen. Musik Müller war ein klassischer Musikladen. Hier standen jede Menge Keyboards und Orgeln herum. Auch an Synthesizer, mit denen man sogar samplen konnte, erinnere ich mich. Wir haben 1985 und in den meisten Geschäften wird noch computerlos gearbeitet.

Die Anschlüsse an der Rückseite des C16. Am Expansion-Port konnte beispielsweise das zum C16 passende Floppylaufwerk VC 1551 betrieben werden. (Bild: Claudio Lione)
Die Anschlüsse an der Rückseite des C16. Am Expansion-Port konnte beispielsweise das zum C16 passende Floppylaufwerk VC 1551 betrieben werden. (Bild: Claudio Lione)

Doch in diesem Jahr beschloss man, bei Musik Müller den ersten Computer anzuschaffen. Ich war live dabei als der Karton ausgepackt wurde. Auf dem dafür gedachten Schreibtisch stand ein neuer Atari 260ST mit einem externen Floppylaufwerk und einer Maus. Wow! Wir spielten gleich eine Runde Breakout, was auf dem ST vorinstalliert war. Alles schön monochrom. Aber wer braucht schon Farben bei Breakout?

Das war mein erster Kontakt mit einem Computer in der freien Wildbahn und nicht als Ausstellungsstück in einem Kaufhaus.

In meinem Kopf war weiterhin nur der C16. Als Konsequenz passierte das Unausweichliche. Ich kaufte mir...

Mein erstes Computerheft

Ich ging in einen Zeitschriftenladen und schaute mir die dort angebotenen Computerhefte an. Es war nicht gerade viel was es zum C16 gab, aber das machte mir nichts aus. Ich fand eine Ausgabe der Compute mit und diese war ganz und gar dem C16 gewidmet! Prompt kaufte ich mir diese Ausgabe und kam so zu meinem ersten Computerheft, was ich heute noch besitze und sehr stolz darauf bin. Vom Inhalt her besteht das Heft aus 70% Listings also nicht wirklich was zum Lesen. Aber als Kind habe ich mich stundenlang mit diesem Heft beschäftigt (kaum vorstellbar heutzutage). Und das ohne den C16 zu besitzen. Also Freestyle so zu sagen!

Die Heimcomputerzeitschrift Compute mit erschien ab 1984 im Roeske Verlag. Sie wurde 1985 vom Tronic-Verlag übernommen. (Bild: Claudio Lione)
Die Heimcomputerzeitschrift Compute mit erschien ab 1984 im Roeske Verlag. Sie wurde 1985 vom Tronic-Verlag übernommen. (Bild: Claudio Lione)
Kingsoft aus Aachen war für die User des C16 bedeutend, da die Firma viel Software für dieses System anbot. (Bild: Claudio Lione)
Kingsoft aus Aachen war für die User des C16 bedeutend, da die Firma viel Software für dieses System anbot. (Bild: Claudio Lione)

Ich schaute mir die Anzeigen an und in meinem Kopf sah ich die Games entstehen, wie sie beschrieben waren. Die Spielcoveranzeigen haben sich regelrecht eingebrannt. Besonders die Firma Kingsoft hatte oft großzügige Farbanzeigen auf der letzten Coverseite geschaltet, was damals schon Eindruck machte. Das Heft war an sich nur Schwarz-Weiß (auch das unvorstellbar heutzutage). Die Compute mit sollte auch die nächsten Jahre dem C16 die Treue halten. Durch eBay konnte ich vor ein paar Jahren eine fast komplette Sammlung ersteigern. Auf einem Retroevent dann einen Karton voll mit C16 Games auf Kassette. Doch nun erstmal...

Zurück zum Sommerjob

Die Tage vergingen und das Ende meines Sommerjobs und der Ferien rückte näher. Am letzten Tag drückte mit Herr Müller persönlich einen Umschlag mit meinem Namen in die Hand. Als Kind hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, mich aber umso mehr gefreut. Es waren genau 150 DM drin. Ich war platt. Das war mein Ticket zum C16! Herr Müller hatte meinen Wunsch über die Ferientage mitbekommen und was soll ich euch sagen? Er machte sich selbst daran mir den Wunsch zu erfüllen. Er telefonierte die Aldi Filialen ab um noch einen C16 für mich ausfindig zu machen. Leider erfolglos. Doch Herr Müller gab nicht auf. Nach weiteren Telefonaten packte er mich ein und wir fuhren in den Kaufhof nach Mannheim. Diese Erinnerung ist so was von schon am verpuffen, schade schade. Ich weiß nur noch wie wir vor dem Verkäufer standen und ihn nach dem C16 fragten. Er schüttelte den Kopf hatte aber was anderes für uns. Er führte uns zum C116. Technisch baugleich zum C16, optisch jedoch eher ein Plus/4 mit Gummitastatur. Ui, eine schwere Entscheidung die ich nun treffen sollte. Ein C116 oder überhaupt keinen Computer? Der C16 schien hoffnungslos vergriffen. Das war's dann wohl. Es sei denn ich greife mir doch jetzt den C116.

Kennt ihr das, wenn ihr genau wisst ihr geht einen Kompromiss ein den ihr später bereuen werdet?

Nun trotz meines jungen Alters habe ich mich nicht beirren lassen und winkte vom verlockenden Angebot ab einen C116 mitzunehmen. Irgendwie wäre er nicht das Wahre gewesen dachte ich mir. Obwohl ich endlich die Programmbibliothek, die in meinem Computerheft beworben wurde, auch in Aktion sehen wollte.

So sollte es noch ein paar Tage dauern bis ich sagen konnte das hier ist...



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