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30 Jahre Koronis Rift

19.09.2015 · 6 Kommentare

30 Jahre Koronis Rift

Oben: Die Spielkassette Koronis Rift für den C64. (Bild: Andreas Wanda)

Die NASA twittert soeben, der unerschütterliche Mars Rover hätte die nächsten dutzend Millimeter auf dem Weg zum Aeolis Mons geschafft - mein Dreitagebart knirscht männlich, denn ich lächle milde über dieses Ereignis, das sich gerade mal neun Monate von der Erde entfernt zugetragen hat. Plötzlich ein schrilles Warnsignal, gleißend-bunte Anzeigen tanzen über meine schnittige Schutzbrille: ein neues Artefakt einer 700 tausend Jahre alten Kultur verspricht der Bordcomputer meines verlässlichen Scoutcraft, das mich zig-tausende Lichtjahre jenseits der Milchstraße zu einem legendären Ort in eine weit entfernte Vergangenheit gebracht hat: Willkommen im Jahr 1985 und herzlichen Glückwunsch dem Computerspiel-Klassiker Koronis Rift zum 30-jährigen Jubiläum.

Was hatte man in den frühen 1980ern als Computer- und Videospieler nicht schon alles an Abstraktion über sich ergehen lassen. Mit einer gehörigen Portion guten Willens bildete man sich ein, auf dem Schirm zu erkennen, was findige Texter und Illustratoren auf Packungen und in Anleitungen zu vermitteln versuchten: Schlösser, Drachen, Welten, Raumschiffe, Abenteurer - der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, im Gegensatz zu jenen typisch groben Pixelmassen, die der Spieler zu kontrollieren gedachte. Was für ein Moment also, da 1985 Koronis Rift in den 64KB großen Speicher geladen wurde.

Das <i>Koronis Rift</i>-Ladebild spielt - wie auch seine zeitgenössischen Kollegen anderer Programme - eine essentielle Rolle bei der Inszenierung eines Computerspiels der 1980er Jahre, denn es setzt als Standbild die oft spektakulären Illustrationen der Spielepackung mit den Mitteln der verfügbaren Technik in Pixelform um. Dieser Brückenschlag erleichtert die kognitive Assoziation mit dem tatsächlichichen, oft sehr abstrakten Spielverlauf. <i>Koronis Rift</i>-Spielern wurde jedoch nicht zu viel versprochen: tatsächlich erlebt man den gesamten Spielverlauf aus der Ego-Perspektive, sitzt mitten im Geschehen. (Bild: Lucasfilm Games)
Das Koronis Rift-Ladebild spielt - wie auch seine zeitgenössischen Kollegen anderer Programme - eine essentielle Rolle bei der Inszenierung eines Computerspiels der 1980er Jahre, denn es setzt als Standbild die oft spektakulären Illustrationen der Spielepackung mit den Mitteln der verfügbaren Technik in Pixelform um. Dieser Brückenschlag erleichtert die kognitive Assoziation mit dem tatsächlichichen, oft sehr abstrakten Spielverlauf. Koronis Rift-Spielern wurde jedoch nicht zu viel versprochen: tatsächlich erlebt man den gesamten Spielverlauf aus der Ego-Perspektive, sitzt mitten im Geschehen. (Bild: Lucasfilm Games)

Das Ladebild erscheint auf dem Schirm, begleitet vom sonoren Schnurren der Diskettenstation. Man sieht ein Gefährt auf Raupen, einen Laserblitz, eine böse, fliegende Untertasse, zerklüftete Landschaften: verantwortungsvoll federn die Entwickler den Schock der drohenden kognitiven Dissonanz durch eine verpixelte Annäherung an die Schachtelillustration ab, suggerieren eine Spielewelt mit den überschaubaren Mitteln der 8-Bit Computer, die das eigentliche Programm erstens nicht so detailliert, zweitens nicht in Echtzeit bewegt und drittens schon gar nicht von mitten im Geschehen darstellen wird. Und was soll es denn schon anderes sein, als ein Shoot-Em Up, Erinnerungen an Moon Patrol werden wach. Doch immerhin steht da bescheiden im Bildschirmeck „Lucasfilm Games“, lau weht doch eine Brise Kinospektakel zwischen dem bereitgestellten Glas Milch und dem Teller Schokoplätzchen durch, als die Diskettenstation verstummt...

...eine reißerische Musik schnalzt aus den Lautsprechern, die eilig den staunenden Computerspieler wohlwollend zum Helden krönt. Der Spieler findet sich wie von Zauberhand versetzt im Cockpit des Scoutcraft wieder: mehrere Kontrollmonitore synchronisieren sich und der Schriftzug Koronis Rift beansprucht schmuck in Orange und Rot schraffiert die Bildschirmmitte. Viele Anzeigen und Symbole, die meisten noch nicht befüllt oder ausgegraut, kündigen eine Komplexität jenseits der High Score Liste an, schließlich dreht sich alles um die große Sage vom Koronis Rift, einem längst vergessenen Ort, wo die „Ancients“, eine Gruppe von 13 außerirdischen Völkern, ihre Technologie und Waffen zu testen pflegten. Besagte 700.000 Jahre später leben die Ancients weiter in wahnwitzigen Legenden von unglaublichen Technologien und noch mächtigeren Waffen.

Zeit nagt an dieser Kassettenschachtel, aber nicht dem zeitlosen Klassiker der legendären Lucasfilm Games Gründer. (Bild: Andreas Wanda)
Zeit nagt an dieser Kassettenschachtel, aber nicht dem zeitlosen Klassiker der legendären Lucasfilm Games Gründer. (Bild: Andreas Wanda)
Die Kassettenhülle des mysteriösen Spiels offenbart eine ehrwürdige „Datasette“, 100kb passten auf so einen Datenträger und doch waren es ganze Welten, die Lucasfilm Games darauf verspeicherte. (Bild: Andreas Wanda)
Die Kassettenhülle des mysteriösen Spiels offenbart eine ehrwürdige „Datasette“, 100kb passten auf so einen Datenträger und doch waren es ganze Welten, die Lucasfilm Games darauf verspeicherte. (Bild: Andreas Wanda)

Wenngleich die Waffentests die von Gräben („rifts“) zerklüftete Oberfläche des Planeten Koronis für Ewigkeiten verstrahlt und unbewohnbar gemacht haben, so waren die Ancients zumindest weise genug, ihre technologischen Errungenschaften von „Guardians“ bewachen zu lassen: jene fliegende, waffenstarrende Untertassen aus dem Ladeschirm, die nichts Gutes in den insgesamt 20 Rifts im Schilde führen. Im letzten Graben, so deutet es das Manual schicksalsverheißend an, soll die Guardian Base errichtet worden sein, Fertigbauteil und so weiter, vielleicht reicht der Mut des Computerspielers aus, diese auch noch fein säuberlich abzutragen. Doch jetzt erst einmal den Feuerknopf betätigen, schon klinke ich mich samt Modular Planetary Surface Rover aus meinem im Orbit von Koronis kreisenden Scoutcraft aus: Die Schutzbrille sitzt, die warme Milch schmeckt, unsagbare technologische Schätze winken.

So manchen knallharten Weltraumplünderer bleibt das Schokoplätzchen trotz Milch im Halse stecken da der Rover flüssig auf die Oberfläche gleitet. Der Computerspieler findet sich mitten im Geschehen, umringt von Gebirgsketten. Unglaubwürdig bemüht man die Mikroschalter des robusten Competition Pro, mal links, mal rechts, es ist unfassbar, wie die Spielegrafik jene des Ladebilds um Längen schlägt, denn wir sehen uns in Echtzeit butterweich animiert auf diesen fernen Planeten um. Ehrfürchtig genießt man so die erste Fahrt über einen Hügel - im Hintergrund, sanft in Grautönen abgestuft - erheben sich weitere Gebirgszüge, vergessen sind Assoziationen zu banalen Geschicklichkeitstests wie Moon Patrol, denn ich sitze zweifellos in meinem Modular Rover - Mark IV, versteht sich - und werde jedes der zwanzig Rifts nach Reichtümern durchkämmen. Sagenhaft, wie die perfekt realisierte Ego-Perspektive das Kinderzimmer, wo gerade erst eben die Wickie-Bettdecke die schützende Hand auf ein Schulkind legte, zu einem hochtechnisierten Fahrzeug auf gefährlicher Mission verwandelt.

Alltag auf Koronis: Grimmige „Guardians“ stören die sonst besinnliche Fahrt im Modular Planetary Surface Rover, der sich im Spielverlauf großzügig mit fantastischer Alien-Technologie aufbohren lässt. (Bild: Lucasfilm Games)
Alltag auf Koronis: Grimmige „Guardians“ stören die sonst besinnliche Fahrt im Modular Planetary Surface Rover, der sich im Spielverlauf großzügig mit fantastischer Alien-Technologie aufbohren lässt. (Bild: Lucasfilm Games)

Aus einer gemütlichen Bergfahrt auf der Suche nach außerirdischem Enzian wird vorerst nichts, frech schneidet ein Guardian meinen Weg ab. Entschlossenen Blickes ziehe ich das Fadenkreuz auf den Störenfried, eine Explosion wie in einer Duplo-Fabrik: bunt, klotzig, überaus zufriedenstellend. Schon ist der Weg frei zu einem „Hulk“, Fahrzeugüberreste, die ich wegen der hohen Strah-lung nur per Sonde erkunden kann. Kurze Zeit später finde ich mich wieder in meinem Scoutcraft und präsentiere stolz das Fundstück meinem Wissenschaftsroboter Psytech 7500, der mir wohlgesinnt tief in die Augen blickt: Ego-Perspektive, wo man auch hinsieht, keine blanken Optionsschirme, sondern ein allerliebst animierter Roboter, sein Laborrollband, das Güter aus dem Rover in das Lager des Scoutcraft transportiert und natürlich die geplünderten Technikmodule: Koronis Rift verpasst keine Gelegenheit, seine Geschichte bestmöglich zu inszenieren.

Schau mir in die Augen, Computerspieler: Psytech ist der getreue Begleiter des markigen Weltraumsammlers. Trocken analysiert der allerliebst animierte Blechkumpane die unter Lebensgefahr ergatterten Technik-Teile, mit denen der Spieler seinen Surface Rover aufrüsten kann. Wie in allen Lucasfilm-Fraktalspielen wird sogar eine potentieller Tabellen- und Zahlenwüste in sensationeller Ego-Perspektive umgesetzt. Schade, dass es von Psytech keine Plüschvariante für zuhause gab. (Bild: Lucasfilm Games)
Schau mir in die Augen, Computerspieler: Psytech ist der getreue Begleiter des markigen Weltraumsammlers. Trocken analysiert der allerliebst animierte Blechkumpane die unter Lebensgefahr ergatterten Technik-Teile, mit denen der Spieler seinen Surface Rover aufrüsten kann. Wie in allen Lucasfilm-Fraktalspielen wird sogar eine potentieller Tabellen- und Zahlenwüste in sensationeller Ego-Perspektive umgesetzt. Schade, dass es von Psytech keine Plüschvariante für zuhause gab. (Bild: Lucasfilm Games)

Das aktuelle Technik-Juwel ist kaum auf dem Rollband platziert, erkennt Psytech prüfenden Blickes, dass es sich um einen hochwertigen Laser handelt: ob ich ihn gleich zu Geld machen wolle, fragt der wissende Roboter per Textausgabe, aber ich möchte abwarten, lasse das Teil ins Lager rollen: Wenn das erste Fundstück schon im ersten Rift so wertig ist, was mag sich in den weiteren Schluchten noch verbergen? Schnell schiebe ich mir die Brotkasten-ähnliche Konsole meines Rovers zurecht und kehre wagemutig auf die Oberfläche zurück.

Ein bunter Laserstrahl einer Guardian-Untertasse touchiert unsanft meinen Modular Rover. Blitzartige Reflexe schießen durch meine durchtrainierten Arme, die Ärmel meiner Jumpsuit lässig hochgekrempelt, doch die Schilde der Untertasse zeigen sich unbeeindruckt, der Traum vom reichen Weltraumhelden zerpixelt, die ernüchternde Rückkehr in ein Optionsmenü deutet Nachholbedarf an: Hätte ich doch bloß das Laser-Modul von vorhin gleich verbaut, schließlich habe ich mir - gegen Aufpreis beim Kumpel auf dem Planeten ums Eck - einen Modular Planetary Rover geleistet. So weit weg von zuhause gelten eben nicht nur die vertrauten Regeln der Feuerknöpfe...



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6 KOMMENTARE

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    @obiwandiDE kommentierte zu oben
    am 30.09.2015 um 23:05 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Das freut mich ganz besonders, Boris, schön, dass einfache Retro-Reflexionen alte Klassiker wieder präsent machen. Gerade Koronis Rift ist ein wahrliches Juwel in der Lucasfilm Krone: waren Rescue on Fractalus und The Eidolon aus verschiedenen Gründen durchwachsen (Eidolon z.B. wirklich extrem schwer, man lese nur nach bei Vinnie Mainolfis C64 Endings), so könnte, finde ich, Koronis Rift heute auch dem gegenwärtigen Markt gut gefallen.

    Der schöne Schlusssatz mit dem Tonkopf gehört sowieso eingerahmt, danke, Boris, und gern geschehen, der Weckruf.

    http://www.obiwandi.at







    Michael kommentierte zu oben
    am 03.06.2016 um 11:14 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Hallo zusammen,

    ging mir wie Rene - alleine die Musik und der coole Roboter reichten schon als schöne Demo.

    BTW: Von Georg Rottensteiner gibt es ein sehr gutes Remake, auf heutigen PCs problemlos spielbar (tue ich seit einigen Tagen ;-) )

    Unter
    www.georg-rottensteiner.de
    dann nach "Koronis" suchen, ist ziemlich weit. unten auf der Seite.



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