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Die Könige der deutschen Heimcomputer

27.10.2011 · 6 Kommentare

Die Könige der deutschen Heimcomputer

Oben: Ein Kingsoft-Logo aus den 1980er Jahren. (Bild: André Eymann)

Die ehemalige deutsche Firma Kingsoft wird hierzulande jedem Freund klassischer Computer- und Videospiele ein Begriff sein. Spätestens nach Erwähnung der legendären Titel Grandmaster, Tom oder Space Pilot wird deutlich, welchen wesentlichen Einfluss das Unternehmen aus Aachen auf die heimische Spielelandschaft der Achtziger Jahre hatte.

Von Aachen in die weite Welt

Kingsoft war seinerzeit weit mehr als ein reines Handelsunternehmen. Und dies obwohl unter dem Label in Deutschland eine Menge britischer Software zum Beispiel Anirog und Zeppelin vertrieben wurde. Alle Kingsoft-Spiele wurden durch freiberufliche Programmierer im eigenen Hause entwickelt und über meist große Handelspartner wie Vobis, Toys „R“ Us und auch die Allkauf Kette vertrieben. Einen ganz besonderen Stein im Brett hatte die Firma bei den Freunden der Commodore 264-Heimcomputerserie, also den Heimcomputern C16, C116 und Plus/4, deren Spiele unser Artikel in den Mittelpunkt stellt. Kingsoft war einer der wenigen Hersteller am Markt, der regelmäßig Programme für diese Systeme veröffentlichte. Nicht nur durch diesen Umstand schrieb Kingsoft deutsche Computergeschichte.

Unterstützung für C16-Besitzer

Über den Nachschub an hochwertiger Software brauchen sich die geplagten Besitzer von Commodores glücklosen C16 nicht zu beklagen. Die wenigen Entwickler, die die Plattform trotz ihrer geringen Verbreitung unterstützen, bringen von 1985 bis 1987 insgesamt nur rund 100 Spiele in den Handel. Die meisten dieser Werke für den Budget-8-Bitter stehen wegen ihrer mangelnden Qualität wie der Rechner selbst von Anfang an auf verlorenem Posten.

The Way Of The Tiger für C16 und Plus/4 aus 1986. (Bild: Gremlin Graphics)
The Way Of The Tiger für C16 und Plus/4 aus 1986. (Bild: Gremlin Graphics)
Selbst technisch schwache Spielhallen-Umsetzungen sind auf dem C16 schon ein seltenes Gut. Die Space Panic aus Universals Automaten greift in der C16 Umsetzung von Atlantis 1986 auch zuhause als Panic 16 (Atlantis Software, 1986) um sich. Doch nur selten lässt sich diesen Machwerken ein abendfüllendes Erlebnis abringen. Oft kommt wegen der planlosen und hektisch agierenden Gegner ein taktischen Spielgefühl noch nicht einmal im Ansatz auf. Standard-Maze-Geschicklichkeitstests wie Heebie Jeebies von Livewire Software (ebenfalls 1986) bilden oft schon den Höhepunkt der privaten Spielesammlung. Simple Plagiate etablierter C64-Martial-Arts-Hits wie das spielerisch katastrophale Way Of The Tiger (Gremlin Graphics, 1986) lassen nicht die Fäuste sondern den Kragen der Spieler explodieren. Der wesentlich bessere galaktische Jet-Pack-Flug von Codemasters 'G'Man (1986) erlaubt C16 Benutzern immerhin auf kosmischer Ebene, ihr Können unter Beweis zu stellen. Mastertronic produzieren mit dem Tresorknacker-Epos The Exploits Of Fingers Malone von 1986 ebenfalls zumindest solide Arbeit, deren einstige Existenz im Lauf der Jahre nicht wie die der meisten anderen Machwerke in dunkelster Vergessenheit verschwindet. Dem Spiel wird im Dezember 2009 die Ehre eines Windows-Remakes zuteil. Eine absolute Ausnahme für einen C16 Titel.

Neues aus Schnackebusch

Aber auch in der finsteren Nacht dieses Kapitels der 8-Bit-Heimcomputer-Ära leuchtet einsam ein helles Licht. Unter den Firmen, die Programme, Spielesoftware und Anwendungen für den C16 auf dem Markt vorstellten, nimmt die deutsche Kingsoft GmbH deutlich die vorrangige Stellung ein. Besonders das Spieleangebot aus deren eigener Produktion ist in Qualität und Bandbreite auf dem C16 ohne Konkurrenz. Der Hersteller deckt ein breites Spektrum gängiger Genres dieser Zeit ab und sorgt mit seinem hochwertigen Stil für eigene Akzente.

Gegründet wird Kingsoft im Jahr 1983 von Fritz Schäfer. Sitz der Firma ist in der Zeit ihres Bestehens der Ort Schnackebusch bei Roetgen in der Nähe von Aachen. Kingsoft vertreibt sowohl die eigenen Produktionen in Deutschland als auch Software anderer Firmen. Zum Tagesgeschäft von Schäfers Firma gehört ebenfalls die Portierung von populären Spieletiteln auf diverse Heimcomputer der Zeit. Motiviert durch den kleinen C16-Boom als „erster Computer von Aldi“ läuft Kingsoft 1986 zur Höchstform auf. Für günstige 39 DM kommt zusätzlich die Sammlung „Plus-Paket 16“, die vier Spiele der Top-Schmiede enthält, in den Handel. Bereits im darauffolgenden Jahr endet allerdings schon die Softwareproduktion für den C16 in Roetgen.

Eine von Kingsoft vertriebene Erweiterungsplatine, die den Commodore 16 auf 64 KB RAM aufrüstet. (Bild: Kingsoft)
Eine von Kingsoft vertriebene Erweiterungsplatine, die den Commodore 16 auf 64 KB RAM aufrüstet. (Bild: Kingsoft)

Der Schwerpunkt von Kingsoft liegt auf den Spielen für den C16 (und seine Mitstreiter C116 und Plus/4), aber Schäfer vertreibt auch eine erstaunlich leistungsfähige BASIC Erweiterung für den C64, die auf einem Steckmodul untergebracht ist, und trotz 50 zusätzlicher Befehle den BASIC Speicher auf 61183 Byte vergrößert: Das Business Basic. Für den C16 ist ein Datasetten-Schnelllade-Programm namens „Turbo Tape“ ebenso erhältlich wie Fachliteratur in Buchform. Trotz seiner hohen Qualitätsstandards rutscht das Unternehmen in die roten Zahlen. Jenseits vom C16 kann sich Schäfer auf dem heftig umkämpften Heimcomputermarkt nicht durchsetzen. Ab 1992 arbeitet Kingsoft mit Electronic Arts zusammen. Die Übernahme durch den Riesen-Publisher erfolgt am 8. März des Jahres 1995. Die Firma hat zu diesem Zeitpunkt 19 Mitarbeiter. Die Übernahme erfolgt hauptsächlich mit dem Ziel, Schäfers Kontakte für den Vertrieb auf dem deutscher Markt zu nutzen. 2000 wird Kingsoft vollständig in Electronic Arts integriert.

Begabte Entwickler

Zu den prominentesten Programmierern von Kingsoft gehören Henrik Wening, der mit seinem Space Pilot unvergesslich wurde und Udo Gertz, den man wohl am ehesten für Tom erinnert. Gertz Angewohnheit deutlich in Spielen auf seinen Namen hinzuweisen macht ihn im gesamten Bundesgebiet und über deren Grenzen hinaus bekannt. Musste der Schöpfer von Ataris Adventure Warren Robinett noch klammheimlich in einen versteckten Raum auf sich aufmerksam machen, so kann der deutsche Entwickler bei Kingsoft völlig ungezwungen sogar auf dem eigentlichen Spielbildschirm, wie beispielsweise bei Tom (1985) oder Bongo (1986) seine Urheberschaft unter Beweis stellen.

In Bongo von Udo Gertz muss die gleichnamige Supermaus Diamanten einsammeln. Die Musik des Titels stammt von Brigitte Gertz. (Bild: Kingsoft)
In Bongo von Udo Gertz muss die gleichnamige Supermaus Diamanten einsammeln. Die Musik des Titels stammt von Brigitte Gertz. (Bild: Kingsoft)

Udo Gertz programmiert die Software in seiner Privatwohnung in Assembler und Basic. Ein Nachbar erinnert sich: „Ich bin damals in derselben Straße aufgewachsen wie er. Zwei Häuser weiter. War oft bei ihm, weil er der totale Byte-Checker war. Zu Zeiten, als Computer echt noch Science-Fiction waren und er hat uns (...) gezeigt wie er seine Spiele entwickelt. Er war damals ca. fünf Jahre älter als die anderen in der Straße und jedesmal, wenn er einem von uns wieder 'ne tolle Basic-Subroutine programmiert hat in unseren „Projekten“, dann war derjenige wieder für Wochen der König, weil er den anderen wieder was cooles voraus hatte. (lacht)“.

Aus Mangel an Ressourcen arbeitet der Programmierer in den Pioniertagen der deutschen Softwareentwicklung noch vornehmlich mit eigenen Editoren. Meist handelt es sich um reine Ein-Mann-Projekte. Lediglich sein Titel Ghost Town von 1985 stellt eine Ausnahme dar und wird unter Mitwirkung von P. Hartmann realisiert. Bei der Erstellung der Arrangements zur musikalischen Untermalung seiner Titel leistet lediglich seine Schwester Brigitte Mithilfe. Er selbst lebt heute in der Schweiz und hat sich komplett aus der Unterhaltungsindustrie zurückgezogen. Zeitzeugen berichten: „Was Udo Gertz damals aus dem 16er rausgequetscht hat, war und ist auch heute noch schier unglaublich. Wenn man Winter Olympiade und Sommer Olympiade mit anderen Spielen auf der C16 vergleicht, denkt man das sei ein ganz anderer Rechner!“



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