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Kaufhauscoding

26.02.2016 · 7 Kommentare

Kaufhauscoding

Oben: Standbild aus „Computerfieber - Die neue Lust im deutschen Familienalltag“ (Thomas Schadt, Andreas Welser, NDR 1984)

Mit meinen für dieses Alter schon profihaften Programmierkenntnissen in Basic machte es mir unheimlichen Spaß, andere Leute zu beeindrucken. Gleichzeitig störte mich auch, dass es für den C-64 immer so viel Angebot gab, während die tollen Ataris im Kaufhausregal standen und nicht beachtet wurden, weil keiner wusste, was man damit so machen kann.

Zum Glück standen im Kaufhaus die Rechner auch aufgebaut und an Fernseher angeschlossen herum. Man konnte also einfach hingehen und etwas eintippen.

Natürlich war kein Floppylaufwerk angeschlossen, aber das war erstmal egal. Später fand ich übrigens auch heraus, warum das so war: Sobald ein Laufwerk angeschlossen wurde, fingen irgendwelche Leute an, ihre Raubkopien zu laden und zu spielen. Diese Spiele waren dort gar nicht käuflich erhältlich und das bedeutete für das Kaufhaus gleich zweifachen Ärger: Einerseits weil man öffentlich Raubkopien zeigte und andererseits, weil die Kunden dann heiss auf die tollen Spiele wurden, die man im Kaufhaus aber gar nicht kannte, geschweige denn verkaufte.

Heimlich in der dunklen Nische. Heimcomputer in einem Kaufhaus der 1980er Jahre. (Bild: Heimcomputer auf dem Vormarsch, BR Dokumentation)
Heimlich in der dunklen Nische. Heimcomputer in einem Kaufhaus der 1980er Jahre. (Bild: Heimcomputer auf dem Vormarsch, BR Dokumentation)

Ich ging also gerne dorthin und fing an, auf den 600XL oder 800XL Rechnern innerhalb kürzester Zeit, also zwei bis drei Stunden, ein kleines Spiel zu programmieren. Die Verkäufer fanden das zuerst nervig, weil wieder so einer den Computer stundenlang blockierte. Immer diese Kids, die nix anderes zu tun haben, als den ganzen Tag hier herumzuhängen und sinnloses Zeug zu machen. Die machen uns noch den Computer kaputt, die vertreiben uns noch die Kunden!

«Computer aus, Speicher gelöscht, alles Futsch. Neuer Tag, neues Spiel.»

Yoda Zhang

Als sie dann aber sahen, dass da ein echtes Spiel bei rauskommt und das auch noch die Kunden zieht, wurde nix mehr gesagt. Das ging sogar so weit, dass ich irgendwann versuchte, die Spieleprogrammierung an bösen fremden Computern, wie dem Commodore VC-20, zu lernen. Das klappte teilweise sogar, aber mit dem Ding habe ich mich nie richtig anfreunden können. Der Atari war da einfach freundlicher. Obwohl der VC-20 ja immer noch weniger schlimm war als der C-64, der sogenannte Brotkasten. Aber dazu später mehr.

Mühsam wurde jede Zeile von Hand einprogrammiert. (Bild: Heimcomputer auf dem Vormarsch, BR Dokumentation)
Mühsam wurde jede Zeile von Hand einprogrammiert. (Bild: Heimcomputer auf dem Vormarsch, BR Dokumentation)

Schade war dann nur, dass diese Spiele nie abgespeichert werden konnten, da ja kein Laufwerk angeschlossen war. Spätestens wenn ich also gehen musste und irgendein Volltrottel den Computer mal eben aus- und wieder einschaltete, war das mühsam kreierte Werk wieder gelöscht. Es gab ja keine Festplatte oder sowas.

Computer aus, Speicher gelöscht, alles Futsch. Neuer Tag, neues Spiel.

Weiterführende Links:
Yoda Zhang · 26.02.2016

  600XL, 800XL, Atari, BASIC, C64, Commodore, Disketten, Heimcomputer, Homecomputer, Kaufhaus, Kaufhauscoding, Programmierung, Speicher, VC20, Yoda Zhang

ÜBER DEN AUTOR

Yoda Zhang
Yoda Zhang
Yoda Zhang ist Retro-Spieleentwickler und Autor. Früher auch bekannt unter dem Namen Kemal Ezcan oder KE-SOFT (Vertrieb von Atari XL/XE Software und dem ZONG-Magazin). Außerdem war Kemal durch seine Musik in der Atari-Szene bekannt. Und weil ihm das alles nicht genug war, programmierte er offizielle Spielmusik im Auftrag der Atari Deutschland GmbH und veröffentlichte diese später bei Ariolasoft. Seine Kreativität und Liebe zum Videospiel drückte sich auch in den Titeln seiner Werke aus. So entstanden Spielenamen wie Tecno-Ninja, Zebu-Land, Quadermania, Königsdiamanten, Das Geheimnis der Osterinsel oder Geisterschloss. In seinem Buch Gulp Splat Zong, Untertitel: Videospiele & Computermusik, läßt er seine eigene Geschichte Revue passieren.

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7 KOMMENTARE

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    Torsten Othmer kommentierte zu oben
    am 22.02.2016 um 22:21 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Na, wir haben doch gerade durch das Internet diesen tollen Artikel entdeckt :-). Und ja, ich hatte auch, es war bei Horten in Osnabrück, BASIC in die dort ausgestellten Computer programmiert. Allerdings hatte ich geschummelt und aus einer Computerzeitschrift die dort abgedruckten Prigramme abgetippt. Am weitesten kam ich auf einen TI 99/4, den mochte im Kaufhaus niemand und darum war dieser Computer immer frei. Nach einer Ewigkeit und Fehlersuche lief das Spiel, da war ich schon mächtig stolz.



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