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Joystick - Portrait eines Underdogs

22.02.2014 · 3 Kommentare

Joystick - Portrait eines Underdogs

Oben: Die erste Ausgabe der Spielezeitschrift Joystick erschient 1988. (Bild: André Eymann)

Zu einer Zeit, in der es noch kein Internet gab, waren wir auf andere Informationsquellen angewiesen. Kaufhäuser, der örtliche Freundeskreis oder Spielezeitschriften waren in den frühen 1980er Jahren für viele von uns die einzigen Möglichkeiten, um sich über die neuesten Top-Spiele zu informieren.

Heute, fast 30 Jahre nachdem die erste Zeitschrift über Videospiele namens Telematch in Deutschland erschienen ist, haben die bunten Blätter von damals eine besondere Bedeutung in unserer Spielkultur eingenommen. Wie illustrierte Bild- oder Fotobände vergangener Tage halten sie den Zustand der Videogeschichte in farbigen Impressionen fest und berichten von Geschehnissen, die mittlerweile in weiter Ferne liegen. Und so versinke ich beim Lesen immer wieder gern in den Spielwelten großer Klassiker und den traumhaften Abenteuern aus 8-Bit, wenn ich die seinerzeit als brandneu eingestuften Hits in der Gegenwart betrachte. Dann beginnen sich die kleinen und pixeligen Figuren in den Abbildungen der Berichte erneut zu bewegen.

Sie erwachen zum Leben und erzählen mir von aufregenden Nächten in Persien, wo ich als Prinz gegen den mächtigen Wesir Jaffar kämpfen musste (Prince of Persia, 1990) oder von meinen mit dem Donauwalzer untermalten Begegnungen mit außerirdischen Wesen und Völkern im endlosen und faszinierenden Weltall, das ich mit meinem Raumgleiter Cobra Mark III durchstreift habe (Elite, 1984). An so manchen Zeilen über geliebte oder liebgewonnene Titel verweile ich beim Lesen minutenlang, da der Autor mit seinen Worten genau die Sinneseindrücke einfängt, die auch mich beim Spielen überwältigt hatten. Dann weiß ich, dass es noch andere da draußen gibt, die ähnlich denken wie ich. Die wie ich auf den Hügeln der Gebirgslandschaft von The Sentinel (1986) standen, nicht nur um die bessere Übersicht zu erhalten. Sondern auch um die Magie zu spüren, die einen kleinen Roboter durchströmt, wenn er aufgrund seines Geschicks eben nicht von seinem Erzfeind erspäht und seiner Lebenskraft beraubt wurde.

Von der Magie einer Spielezeitschrift

Die Popularität der Magazine wurde damals wie heute immer auch an ihrem künstlerischen Ausdruck gemessen. Neben den redaktionellen Fertigkeiten, die man von einer solchen Publikation erwartete, waren es vor allen Dingen die konkreten Texte und die Gedanken der Menschen hinter den Zeilen, die einen Zeitschriften- und Spiele-Kult begründeten oder eben auch nicht. Schnell konnte ein neuer Titel durch das Urteil eines Redakteurs in den Olymp der Videospiele oder aber auch in die Hölle wertlosen Ramsches geschrieben werden. Ohne Zweifel hatten die Autoren einen magischen Einfluss auf die Erwartungshaltung und Fantasie der Kinder, die das Spiel am Bildschirm gemeinsam mit Ihrem Helden erleben wollten.

«Durch das Urteil eines Redakteurs, konnte ein Spiel schnell in die Hölle wertlosen Ramsches geschrieben werden.»

Andre Eymann

Stellvertretend für die goldene Ära der Videospielmagazine in Deutschland, möchte ich heute ein eher unbekanntes Blatt mit dem verspielten Namen Joystick vorstellen. Der Gedanke, eine Heimcomputerzeitschrift am Ende der Achtziger Jahre nach einem Steuerknüppel nennen, lag auf der Hand. Das Blatt aus dem DMV-Verlag in Eschwege hatte sich 1988 vorgenommen, den hiesigen Markt der Videospielmagazine aufzumischen. Im Gegensatz zu den seinerzeit großen Titeln, wie ASM oder Happy Computer war das DMV-Magazin allerdings weit weniger in der Öffentlichkeit bekannt. Das kann natürlich einerseits an der relativ kurzen Existenz des Hefts liegen. Es sind zwischen September 1988 und September 1989 nur elf Ausgaben erschienen. Vielleicht mag es aber noch andere Gründe dafür geben, dass die Joystick nur wenige Spuren im Zeitgeschehen hinterlassen hat.

Knallig bunt: so stellt sich die Joystick im Herbst 1988 auf dem deutschen Markt vor. (Bild: DMV-Verlag)
Knallig bunt: so stellt sich die Joystick im Herbst 1988 auf dem deutschen Markt vor. (Bild: DMV-Verlag)
Anlass genug, der Joystick ein digitales Denkmal zu setzen und ein Portrait dieses heimischen Underdogs aus der Heimcomputer-Ära in Form eines kleinen Nachrufs zu veröffentlichen. Die Redaktion der Joystick hatte große Ambitionen. Schon im Editorial der Erstausgabe von 1988 stellte der Chefredakteur Heinrich Stiller klar: „Wir möchten Ihnen die faszinierenden Welten der Computerspiele zeigen“. Mit diesem Statement positionierte sich das Heft eindeutig auf der Seite der Computer- und Videospieler. Man hatte es hier also nicht mit einem Technikmagazin oder mit wissenschaftlichen Inhalten zu tun. Für ein reinrassiges Spielemagazin bot das Heft einen erstaunlich großen Umfang an Spieletests. Die Erstausgabe, die insgesamt 110 Seiten stark ist, kommt auf satte 43 Reviews.

Neben vielen anderen Spielen wurden in der ersten Ausgabe die folgenden Klassiker bewertet:
  • Xenon (Bitmap Brothers, 1988)
  • Power at sea (Accolade, 1988)
  • The Bard's Tale (Interplay, 1985)
  • Ultima (Origin, 1986)
  • Elite (Acornsoft/Firebird, 1984)
  • Ports of Call (Aegis, 1987)

Aufgelockert wurde das Magazin durch mehrseitige und teilweise aufwändige und mit vielen Fotos illustrierte Berichte. So führte der Text „Wie entsteht ein Computerspiel?“ in die Grundlagen und Abläufe der Spielentwicklung ein. Hier lernten wir was Sprites, Blitter oder Crosscompiler sind und dass die Spieleprogrammierung (zumindest in den 1980ern) nicht nur am Computer stattfand. Das Firmenprofil „Die bretonische Softwareschmiede“ stellte uns das 1986 gegründete und heute weltweit bekannte Unternehmen Ubisoft vor. Hier gab es auch einen Abriss aktueller Spiele-Hits wie beispielsweise zum Ritterspiel Iron Lord, Dracula oder dem Weltraum-Adventure Final Command. Zu diesem Zeitpunkt bestand das Kernteam von Ubisoft aus gerade mal 25 Programmierern. Heute, am Ende des Jahres 2012, beschäftigt die Firma aus dem französischen Rennes im Bereich der Produktion bereits mehr als 1.700 Mitarbeiter!

Und in einem umfassenden Artikel über Video-Rollenspiele wurde uns der Übergang der Pen & Paper-Spiele in die digitale Welt erklärt. Auch aus heutiger Sicht hat der Text nicht an Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil: Nach dem Lesen habe ich richtig Lust bekommen, mal wieder einen Klassiker wie Ultima oder das mir bis dato unbekannte Phantasie auszuprobieren.

Rings of Zilfin - Ein Grafik-Rollenspiel aus den 1980er Jahren für den Atari ST. (Bild: SSI, Logical Design Works)
Rings of Zilfin - Ein Grafik-Rollenspiel aus den 1980er Jahren für den Atari ST. (Bild: SSI, Logical Design Works)

Fantasievolle und amouröse Reviews

Welche Menschen aber standen hinter dem Magazin aus Hessen? Nebst dem Chefredakteur und dem Redaktionsleiter Stefan Ritter wurden in der ersten Ausgabe vom September 1988 nur zwei weitere feste Redakteure genannt: Markus Matejka, später Chefredakteur bei Hot Games oder PC-Sammelspiele, und Bernhard Rinke, der folgend auch für die Amiga Joker schrieb. Die Liste der freien Mitarbeiter war etwas umfangreicher. Auffällig ist, dass Chefredakteur Heinrich Stiller im Impressum auch beim Thema Illustration erwähnt wurde. In den Folgejahren hat sich Heinrich Stiller übrigens auch als Redakteur für die ASM oder die GamePro einen Namen gemacht.

Das Shoot em up Katakis für den C64. (Bild: Rainbow Arts)
Das Shoot em up Katakis für den C64. (Bild: Rainbow Arts)
Wie liest sich nun beispielsweise die Review zum Shoot 'em up Katakis in der Joystick? Zunächst einmal anständig recherchiert und mit vielen kleinen Details ausformuliert. Der Redakteur hielt sich aber aus meiner Sicht mit seiner persönlichen Bewertung und subjektiven Kommentaren zum Top-Hit von Manfred Trenz zu sehr im Hintergrund. Das gestaltete den Text, der so leider eher einer Beschreibung glich, zwar objektiv, aber auch etwas beliebig. Nur bei den Überschriften brach der Autor aus seinem Muster aus, wie das Beispiel zu Xenon zeigt. Hier wurden zwei Abschnitte mit „One Way Ticket to Hell“ oder „Eine mörderische Mission“ betitelt, was den Text etwas entkrampfte.

In der Review zu The Bard's Tale von Michael Cranford konnte der Chefredakteur selbst seine Fähigkeiten als Texter herausstellen. Der Artikel wurde bildlich und luftig geschrieben und gab der Erstausgabe einen professionellen Charakter. Durch seine Zeilen wurde die Fantasie angeregt und man konnte sich gut vorstellen, dass er selbst die Gassen von Skara Brea erkundet hatte. Das machte Lust auf mehr! Nebenbei lernten wir, dass die deutsche Übersetzung des englischen RPG-Begriffs „Party“ das schöne Nomen „Abenteurer-Gruppe“ trägt. In der Review zum legendären Ultima von Richard Garriott (Überschrift „Die Historie der Finsterlinge“) wurde noch eine Schippe draufgepackt. Fast romanhaft führt er den Leser in die Welt von Britannia ein. Stilmittel aller Artikel war es übrigens, erst am Ende des Textes die Spielfakten aufzuführen und dann im Resümee, so wird in der Joystick das Fazit benannt, eine klare Zusammenfassung zu formulieren.



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3 KOMMENTARE

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    Slicer kommentierte zu oben
    am 24.05.2014 um 20:17 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Wie schön die Aufklärung des Verschwindens der Joystick aus erster Hand zu erfahren! Danke dafür! Gut möglich, dass der Inhalt damals für jüngere Leser zu anspruchsvoll war. Obwohl ich in der Rückschau nicht finde, dass das Heft radikal anders war als die Wettbewerber. Und außerdem hatte es SEHR viele Spieletests, was den Spielern eigentlich hätte gefallen sollen. Ich kann mich aber persönlich daran erinnern, damals niemals etwas von der Joystick gehört oder gesehen zu haben. Na ja, sie existierte wohl einfach zu kurz. Auf jeden Fall hat es mir großen Spaß gemacht, das Magazin im Nachhinein kennengelernt zu haben.



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