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Sommer, Sonne, VC 20 - Deutsche Computercamps in den 1980er Jahren

28.06.2011 · 4 Kommentare

Sommer, Sonne, VC 20 - Deutsche Computercamps in den 1980er Jahren

Oben: Spielen und Lernen. Computercamps waren in den 1980er Jahren eine innovative Einrichtung. (Bild: IDG Verlag)

Heutzutage liegen Extremsportarten wie Kiten, Climben oder Raften im Trend und werden gerade von jüngeren Menschen mit Begeisterung ausgeübt. Je ausgefallener, desto besser. Immerhin ist der Urlaub ein kostbarer Zeitraum, den man gern mit einer bleibenden Erinnerung ausfüllen möchte. In den frühen 80er Jahren war es ähnlich, allerdings in einer etwas anderen Form.

Damals zogen die Kids hierzulande in Scharen in so genannte „Computerferienlager“, um den ganzen Tag BASIC zu programmieren, mit den Geräten zu spielen und sich mit anderen Jugendlichen über Atari- und Commodore-Heimcomputer auszutauschen. Das war mindestens genau so extrem, wenn auch weit weniger gefährlich. Wie aber hat die Freizeitgestaltung in diesen Camps genau ausgesehen und wie haben die Kids das erlebt?

Eine Idee aus Amerika

Der Trend der Computercamps schwappte kurz nach Beginn 1980 aus den USA nach Europa über. Pionier war der Amerikaner, Dr. Michael Zabinski, der mit seinen „National Computer Camps“ bereits 1978 Computerferien für Kinder organisierte.

Der amerikanische Softwareentwickler und Autor Denison Bollay führte kurze Zeit später, „Computer Camps“ im größeren Rahmen durch. Bollays Ferienlager fanden im US-Staat Kalifornien statt. Sie boten Platz für mehr als 1.000 Besucher und erwirtschafteten 1984 über eine halbe Million Dollar Umsatz. In den Erfahrungs-Camps wurden Freizeitaktivitäten wie Reiten, Schwimmen oder gemeinsame Lagerfeuer mit dem Austausch von Computerwissen kombiniert. Die Unterbringung der Kinder erfolgte in Zelten oder einfachen Bungalows. Dabei lagen die Kosten für eine Woche Aufenthalt zwischen 300 und 400 US-Dollar. Bollays Vision war eindeutig: In der zukünftigen Gesellschaft würden Menschen, die ohne Computerwissen aufwachsen, schwer benachteiligt sein. Computerkenntnisse seien genau so wichtig, wie lesen und schreiben. Ziel war es also, Jugendliche für Computerthemen zu begeistern und ihnen nützliches Wissen für die Zukunft zu vermitteln.

Lernen am VC 20 in Denver, Colorado. Foto von 1982. (Bild: PCWorld.com)
Lernen am VC 20 in Denver, Colorado. Foto von 1982. (Bild: PCWorld.com)
Commodore PETs im 1980-Jahre Schulunterricht in New York City. (Bild: PCWorld.com)
Commodore PETs im 1980-Jahre Schulunterricht in New York City. (Bild: PCWorld.com)

Atari 800 Heimcomputer in einer Schulklasse von 1985. Aufgenommen in Miami, Florida. (Bild: PCWorld.com)
Atari 800 Heimcomputer in einer Schulklasse von 1985. Aufgenommen in Miami, Florida. (Bild: PCWorld.com)

Zweifellos hat Bollay sein Ziel in den USA erreicht und das Modell konnte mit Leichtigkeit auf Deutschland übertragen werden. Denn es waren nicht wenige Anbieter, die bei uns Computerkurse innerhalb und außerhalb der Schulferien anboten. Dabei kamen die vielfältigen Angebote zur rechten Zeit. Gerade bei den Kleincomputern, wie dem Commodore 64, dem VC 20, dem Atari 600 XL/800 XL oder dem TI-99/4A gab es auf dem Markt große Zuwachsraten. Die Nachfrage nach Informationen war enorm und konnte nur bedingt durch die Schulen oder den privaten Austausch befriedigt werden. Die Computercamps wurden sprichwörtlich von den Computerkids überrannt. Das Alter der wissbegierigen Neulinge lag in der Regel zwischen 12 und 14 Jahren. Auch Medienanbieter wie beispielsweise die Heimcomputerzeitschriften Happy Computer oder HC Mein Home-Computer, profitierten von dieser Nachfrage.

Wie teuer waren die Camps?

Wer waren die Veranstalter? Und wie tief mussten die Eltern für ihre Kinder in die Tasche greifen? Folgende Tabelle gibt einen Überblick.

Veranstalter Tage Preis/DM Inhalte und Leistungen
Ostseebad Damp 2000 (Schleswig-Holstein) 7 90 „Computern von 8 bis 80“. Die Unterkunft musste extra gezahlt werden
Jugendherberge Gersfeld (Hessen) 7 290 BASIC für Anfänger inkl. Unterkunft und Verpflegung
Jugendherberge Schwäbisch Hall (Baden-Württemberg) 7 368 Erlernen von Microsoft-Befehlen. Vollpension inkl. Übernachtung und Fachbücher.
Ferienclub Lüneburger Heide (Niedersachsen) 7 490 Programmierkurse, Vollpension, Unterricht und Freizeitaktivitäten
Verkehrsamt Bestwig (Nordrhein-Westfalen) 6 550 Erlernen von MSX-BASIC inkl. Halbpension
Computercamp Mauterndorf (Österreich) 7 554 Computer-Lehrgänge. Übernachtung, Verpflegung und Anreise.
Bad Aussee (Österreich) 7 560 „Das Leben und die Arbeit mit dem Computer“ inkl. Kost und Logis
Hotel Sauerland Stern (Hessen) 7 oder 14, je nach Interesse bzw. Budget der Eltern 650 oder mehr Einführung in die Programmiersprache BASIC, Computer-Allgemeinwissen, Einsatzmöglichkeiten, Infos über Zusatzgeräte. Einzelzimmerzuschlag 17 DM pro Tag.
Schloß Dankern (Emsland) 7 650 Einweisung in verschiedene Computersprachen inkl. Vollpension
Stadt Bad Harzburg (Niedersachsen) 14 990 Computer-Seminare, Unterbringung, Verpflegung und Freizeitprogramm
Kompaß-Sprachreisen (Margate, Kent, England) 22 1.770 Englische Grammatik mit dem Computer inkl. Anreise und Unterkunft

Anbieter von Computercamps in Deutschland, Österreich und England (Quelle: DIE ZEIT, Nr. 20 vom 10.05.1985)

An der Übersicht kann man gut ablesen, wie breit das Angebot – vor allen Dingen preislich – gefächert war. Sicher war es für viele Eltern nicht leicht zu entscheiden, zu welchem Veranstalter ihr Sprössling gehen sollte. Vom Taschengeld allein war wohl keiner der Kurse zu bezahlen. Als Zwölfjähriger bekam ich damals beispielsweise weniger als 15 DM Taschengeld im Monat. Eine Summe, von der natürlich auch alle anderen Interessen finanzieren werden wollten. So kann man sich gut vorstellen, dass es ein großes Privileg war, an einem Computercamp teilnehmen zu dürfen. Nicht jede Familie konnte sich das leisten.

Werbung von CompuCamp: „Ferien total... wir machen sie!“ (Bild: WEKA)
Werbung von CompuCamp: „Ferien total... wir machen sie!“ (Bild: WEKA)
Die Eltern fühlten sich von den Angeboten angesprochen, da sie in ihren Augen endlich die Brücke zwischen den Telespielen und der „sinnvollen“ Nutzung von Computern schlugen. Eine Atari-Spielkonsole kostete 1984 ca. 298 DM inkl. dem Pac-Man Modul. Dazu kamen aber meist noch weitere Spielmodule, die im Rahmen von 99 DM bis 169 DM lagen. Kein günstiges Spielzeug also. Heimcomputer allerdings waren noch teurer. Da versprachen sich die Eltern natürlich von der Anschaffung eines Computers eine langfristige Nutzung. Die Camps sollten hier als Investition in die Zukunft unterstützen.

Der Heimcomputer-Trend hatte auch eine direkte Auswirkung auf das Marktsegment der Telespiele. So konnte man 1984 beim Versandhaus Quelle die „CompuMate“-Erweiterung von Universum für das Atari VCS kaufen. Das CompuMate wurde vom amerikanischen Hersteller Spectravideo hergestellt und erweiterte Ataris Erfolgskonsole um die Möglichkeiten eines BASIC-Interpreters, eines Musik-Synthesizers und eines einfachen Grafikprogramms. Die Erweiterung kostete 99,50 DM. Auch für die Videospielkonsole G7400 von Philips wurde eine BASIC-Ergänzung angeboten. Diese Hardware kostete stolze 398 DM. Der Versuch der Hersteller Videospiele mit Zusatzgeräten zu echten Heimcomputer aufzuwerten, war aber nicht von Erfolg gekrönt, weshalb diese Geräte auch nicht in Computercamps eingesetzt wurden.

Antwortkarte für die Zusendung des Prospekts „CompuCamp-Computerferien 1989“ (Bild: WEKA
Antwortkarte für die Zusendung des Prospekts „CompuCamp-Computerferien 1989“ (Bild: WEKA

Puddingwettessen oder Maschinensprache?

Die Computercamps waren je nach Hersteller unterschiedlich organisiert. In der Regel wurde am Vormittag „computert“ und der Nachmittag stand für Freizeitaktivitäten wie Schwimmen oder Puddingwettessen zur Verfügung. In der Happy Computer vom Juni 1987 erinnert sich ehemaliger Teilnehmer: „Ich war im Computercamp in Tönning. Nachmittags konnten wir entweder in der Eider eine Schlickschlacht machen, oder zu den Seehundbänken schippern. Im Computerlehrgang haben wir Sound & Sprites durchgenommen. Ich kann Computercamps nur empfehlen.“



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