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Die Zeit verging spielend - Interview mit Boris Schneider-Johne

03.02.2007 · 2 Kommentare

Die Zeit verging spielend - Interview mit Boris Schneider-Johne

Oben: „Doc Bobo“ bei der Arbeit. (Bild: Markt & Technik)

Wer kann die Geschichte der Videospiele heute besser erzählen als diejenigen, die sie geschrieben haben? Boris Schneider-Johne, vielen noch bekannt unter dem Pseudonym „Doc Bobo“, hat uns jahrelang als Spiele-Redakteur mit seinen witzigen und kompetenten Artikeln durch Raum und Zeit begleitet.

„Doc Bobo“ heute. (Bild: Boris Schneider-Johne)
„Doc Bobo“ heute. (Bild: Boris Schneider-Johne)
Als Mitbegründer der legendären Zeitschrift Power Play leistete er große Pionierarbeit. Später setzte er weitere Meilensteine mit seinen genialen und humorvollen Übersetzungen der berühmten Lucasarts-Adventures. Dabei war Boris (Jahrgang 1966) damals kaum älter als wir, die Fans die er mit seiner Arbeit so sehr faszinierte. Gänsehaut-Feeling ist nun garantiert, wenn Boris Schneider-Johne über seine ganz persönlichen Erlebnisse aus diesen glorreichen Tagen berichtet.

Guido Frank: Hallo Boris, vielen herzlichen Dank für Deine schnelle und bereitwillige Zusage an unserer Internetseite videospielgeschichten.com mitzuwirken. Wir versuchen seit einigen Jahren etwas mehr Licht hinter die Deutsche Geschichte der Videospiele zu bekommen und freuen uns sehr, dass Du uns als Insider einen kleinen Einblick in die Spieleszene der 80er und 90er Jahre gewährst. Natürlich wollen wir auch erfahren was Du gegenwärtig für Ziele verfolgst, aber am Besten fangen wir zuerst einmal ganz von vorn an und beginnen mit der goldenen Ära der Homecomputer.

Für Leute die so wie ich mit dem Commodore 64 aufgewachsen sind, steht der Name Boris Schneider heute als Synonym für die beiden Kultzeitschriften Happy Computer und Power Play. Die Happy Computer erschien zum ersten Mal im November 1983, damals ja noch als Hobby Computer, ab wann hast Du in der Redaktion mitgearbeitet und wie hat es Dich überhaupt dorthin verschlagen?

Boris Schneider-Johne: Alles Zufall, Glück und Schicksal. Zusammen mit einem Schulfreund namens Karsten Schramm hab ich an einem Schnellader für den C64 gearbeitet, den wir Hypra-Load nannten. Das Teil wurde Listing des Monats im Magazin 64er - und im wesentlichen nur, weil die Redaktion nur wenige Kilometer Luftlinie von unserem Wohnort entfernt war und wir deswegen einfach mit dem Programm dort aufgetaucht sind.

Schnellader für den C64: Hypra-Load erscheint als Listing des Monats in der 64er-Ausgabe 10/1984. (Bild: Markt & Technik)
Schnellader für den C64: Hypra-Load erscheint als Listing des Monats in der 64er-Ausgabe 10/1984. (Bild: Markt & Technik)

Das war 1984, am Ende meines 12. Schuljahres. Karsten und ich haben dann angefangen, technische Artikel über den C64 zu schreiben, aber ich driftete recht schnell in die Spiele-Ecke ab. Nicht zuletzt weil ein junger Redakteur namens Heinrich Lenhardt von der Happy Computer sehr schnell als Beta-Tester für Hypra-Load herhalten musste. 1985 wollte ich als Praktikant sechs Monate beim Markt- & Technik-Verlag absolvieren, um dann vielleicht Mathematik zu studieren - daraus wurden dann dreieinhalb Jahre Festanstellung. Heinrich und ich konnten dort Power Play erst als Sonderheft, dann als eigenes Heft konzipieren, welches dann wieder zu einer Beilage der Happy Computer gewandelt wurde. Nach vier Monaten als „Beilage“ hatte ich die Nase voll und wechselte zu Rainbow Arts als Spieleproduzent.

Guido Frank: Wir haben vor einiger Zeit ein Interview mit dem ehemaligen Happy Computer-Chefredakteur Michael Lang gemacht. Dort konnten wir bereits einige interessante Details erfahren. Aber wie gestaltete sich die Arbeit speziell als Spielejournalist bei der Happy Computer? War es wirklich so spaßig wie es in den Heften rübergekommen ist?

Hypra-Load - Entstanden aus der Leidenschaft für Maschinensprache. (Bild: Markt & Technik)
Hypra-Load - Entstanden aus der Leidenschaft für Maschinensprache. (Bild: Markt & Technik)
Boris Schneider-Johne: Wir waren jung, enthusiastisch und grenzenlos ausbeutbar. Es war der Spaß der Pionierarbeit, das Gefühl, was besonderes machen zu dürfen und dafür auch Geld zu bekommen. Es war, gerade für einen 19-jährigen ohne Berufserfahrung, der absolute Traumjob. Bedingt durch die absurden Arbeitszeiten, man verließ selten vor 21 Uhr das Büro, war auch genug Freiraum für Kindsköpfigkeiten aller Art. Ja, wir hatten tatsächlich Wasserpistolen-Duelle in den Büro-Gängen. Viele Jahre vor Doom, Wolfenstein oder gar Midi-Maze!

Guido Frank: Das klingt nach tollem Teamgeist und jeder Menge Fun. Für Computer- und Spielefreaks der 80er Jahre gab es ja wohl kaum einen schöneren Beruf als Spieleredakteur, zumindest in unserer Vorstellung. Hattest Du eigentlich niemals ein schlechtes Gewissen für Deine Arbeit tatsächlich echtes Geld zu bekommen?

Boris Schneider-Johne: Wie schon gesagt, der Job beim deutschen Markt & Technik Verlag damals war kein Job, sondern das Leben. Nach Hause ist man zum Schlafen gefahren (manchmal nicht mal das). Das geht natürlich nicht ewig gut, insbesondere nicht, wenn einen Lebenspartner auch außerhalb des Büros interessieren. Das Geld war nie so viel, dass es peinlich gewesen wäre. Was mich am meisten begeistert hatte, war dass ich für den Verlag mehrfach in die USA reisen durfte - das war für mich, der selten im Ausland war, absolut einzigartig.

Boris Schneider 1988 an der Golden Gate Bridge. (Bild: Boris Schneider-Johne)
Boris Schneider 1988 an der Golden Gate Bridge. (Bild: Boris Schneider-Johne)

Guido Frank: Dein Name war damals fast untrennbar mit dem von Heinrich Lenhardt verbunden. Ihr beide habt euch mit euren Artikeln einen großen Namen gemacht. Klappte die Zusammenarbeit von Anfang an so gut oder hat sie sich erst im Laufe der Zeit zu einer festen Freundschaft entwickelt?

Heinrich Lenhardt und Boris Schneider-Johne: stimmungsvolle Spiele-Bewertungen für die Generation C64. (Bild: Markt & Technik)
Heinrich Lenhardt und Boris Schneider-Johne: stimmungsvolle Spiele-Bewertungen für die Generation C64. (Bild: Markt & Technik)

Boris Schneider-Johne: Heinrich und mich verbindet ein ähnlicher Humor, eine ähnliche Verbissenheit und Passion und eine in vielen Punkten gleiche Denke. Wir haben uns auch das eine oder andere Mal richtig gezofft, wir hatten sogar eine Episode im Leben bei der Anwälte reden mussten, aber auch nach zwanzig Jahren sind wir immer noch in Freundschaft verbunden. Heinrich war ja jahrelang in USA und Kanada, da habe ich ihn so oft wie möglich besucht und seit er wieder in Deutschland ist, wird der Kontakt wieder intensiver.

Guido Frank: Legendär und echte Klassiker sind heute noch die vier großen Spiele-Sonderhefte der Happy Computer, bei dessen Entstehung Du ja ebenfalls viel dazu beigetragen hast. Kannst Du uns vielleicht etwas mehr über diese ganz besonderen Ausgaben erzählen?

Spiele-Sonderhefte der Happy Computer. Tests vom C64 bis zum PC. (Bild: Markt & Technik)
Spiele-Sonderhefte der Happy Computer. Tests vom C64 bis zum PC. (Bild: Markt & Technik)
Boris Schneider-Johne: Die Sonderhefte waren ein ganz besonders hartes Brot, weil sie ja auch konzipiert werden mußten. Das Format, die Wertungskästen und alle anderen Dinge haben Heinrich und ich aus angelsächsischen Zeitschriften wie Zzap 64 adaptiert und verdeutscht. Wir hatten grandiose Unterstützung von Michael Lang und Michael Scharfenberger, die im grenzenlosen Vertrauen uns beide einfach werkeln ließen. Wir hatten ja, außer einem Schulabschluss und ein, zwei Jahren Schreiben in einer Redaktion, keine große Berufserfahrung. Das sollte man heute mal in einem Verlag probieren... Interessanterweise war die härteste Arbeit an den Sonderheften aber das Bildmaterial. Für die sogenannten „Aufmacherfotos“, also die Real-Bilder, mussten Fotograf Jens Jahnke und wir viel Denkschmalz leisten und auch Modell stehen. Und die Bildschirmfotos waren damals tatsächlich Fotos. Jedes einzelne Bild in den Sonderheften und in Happy Computer wurde mit einer analogen Kamera fotografiert. Wir saßen tagelang in stockdunkeln Zimmern, spielen Spiele bis an die richtige Stelle, beteten auf eine Pause-Funktion und machten dann mit einer Spiegelreflex-Kamera Bilder mit einer halben Sekunde Belichtungszeit.

Manche Spiele ließen sich nur knipsen, indem man sie im richtigen Moment zum Absturz brachte - auf dem C64 gab es dafür einen eigens eingelöteten Schalter. Wenn man da den falschen Augenblick erwischte, durfte man von vorne anfangen. Außerdem mussten die Fotos dann lithographiert werden (1985 gab es noch keinen digitalen Workflow) und das ging ins Geld. Mehr Bilder pro Seite war schon aus Kostengründen verboten. Bei PC Player war das anders: Man konnte Screenshots per Programm machen und als TIFF-Datei abgeben, das hat dann den Look der Spielezeitschriften deutlich revolutioniert.



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