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Ein Arcade-Automat, mein Kumpel und ich

25.02.2015 · 15 Kommentare

Reise ins Paradies

Nun musste die Anreise geplant werden. Alleine wollte ich da nicht hin. Wozu hat man denn Freunde? Also musste mein Freund Claudio mit auf die Reise ins Ungewisse. Der Tag und ein passender Zug waren schnell gefunden. Und so sah man sich schon bald auf dem Weg Richtung Videospiel Arcade-Seniorenzentrum. Am Zielbahnhof nach ca. 50 km angekommen mussten wir uns durchfragen. In den Vor-Smartphone-Zeiten war das noch so. Man befragte nicht sein mobiles Device nach dem Weg, sondern einen „echten“ Passanten. Und siehe da, es funktionierte genau so zuverlässig, wenn nicht noch besser!

Soweit ich mich erinnern kann, gingen wir vom Bahnhof zu Fuß. Wir hatten wohl Glück, dass es nicht so weit weg war. Ich erinnere wie wir in einem Industriegebiet angekommen waren und nach der genauen Hausummer suchten, da es von außen keine Hinweise gab. Und wir wurden fündig. Wir standen vor einer typischen Lagerhalle und davor machten sich einige Mitarbeiter zu schaffen. Noch war hier nicht zu erkennen was sich uns gleich offenbaren würde.

«Eines war sicher: ich würde heute nicht ohne einen Automaten nach Hause fahren.»

Ioannis Douloumis

Es war schon etwas mysteriös das Ganze. Irgendwie hatte ich das Gefühl ich bin der Hauptdarsteller eines Roadmovies. Es war ein sonniger Tag, wir hatten uns aufgetan ins Ungewisse jedoch mit einer konkreten Mission. Das Ungewisse war was wir uns erwarten würde und ob wir am Ende nicht doch enttäuscht sind. Aber wir wissen ja alle: „No risk, no fun“!

Nichts ließ vor der Halle wie gesagt erahnen, was sich da im Inneren abspielte. Kennt ihr diese B-Movie-Szenen, wenn Jugendliche auf ihrem Ausflug von der Hauptstraße abkommen und im Nirgendwo an der Tankstelle einen komischen Typen nach dem Weg zurück zur Hauptstraße fragen? Einen Hauch davon lag in der Luft an diesem sonnigen Tag, als wir den Mitarbeiter vor der Halle (der schwer beschäftigt war) fragten ob wir hier richtig sind. Es war alles etwas merkwürdig. Es gab eben keinen wirklichen Hinweis, dass wir hier im Entferntesten auf Arcade-Gaming treffen würden.

Wir stellten uns einen Mitarbeiter vor und fragten ob wir uns den umschauen könnten. Kein Problem hieß es und so betraten wir durch ein riesiges offenes Tor die Lagerhalle.

Tja und was soll ich euch sagen? Wir waren angekommen!

Das Paradies für Arcade-Spieler. Aufgereihte Klassiker aus einer vergangenen Ära.
Das Paradies für Arcade-Spieler. Aufgereihte Klassiker aus einer vergangenen Ära.

Was sich hier vor meinen Augen auftat war das reinste Videospielparadies! Hier wurden also alle Automaten hergebracht, wenn diese aus den Spielhallen verschwanden. Sie waren alle da! Einer neben dem anderen. Es gab hier Modelle zu bestaunen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Zum Teil Universal Automaten wie von Gauselmann (ein Unternehmen für den Vertrieb von Geldgewinnspielgeräten und Unterhaltungsautomaten) und zum anderen Teil sogenannte Dedicated-Automaten, die also speziell einem Spiel gewidmet waren. Die ganze Halle war voll davon! Was für ein Moment. Jeder dieser Automaten hatte bestimmt unzählige Geschichten zu erzählen. Wer weiß wo jeder schon mal stand. Geschichten von Freundeskreisen, Einzelzockern, verliebten Pärchen, Wettkämpfen etc. Wie viele Besucher haben schon hier die eine oder andere Mark reingeworfen, um für einen kurzen Moment sich am Automaten zu bespaßen. Und wie viele Fans haben hier wohl das gesamte Taschengeld begraben, um ihren Automaten zu bezwingen, den High-Score zu knacken oder das letzte Level zu sehen? Was für eine Vorstellung!

Nicht ohne meinen Automaten

Das Bedienpult eines Stargate-Automaten. (Bild: Arcade Crusade Gallery)
Das Bedienpult eines Stargate-Automaten. (Bild: Arcade Crusade Gallery)
Und was für ein Glück! Ich konnte mir hier in Ruhe alles ansehen und begutachten. Eines war sicher: ich würde hier heute nicht ohne einen Automaten rausgehen. Also konzentrierte ich mich voll und ganz darauf einen passenden Automaten zu finden. Meine Kriterien waren natürlich das Aussehen und der technische Zustand. Einige Maschinen hier waren schon ausgeschlachtet und hatten weder Monitor noch Spielplatine. Das war für mich jedoch nicht tragisch, da ich die Idee hatte mir einen M.A.M.E. Automaten zu bauen. Ich brauchte also ein gut aussehendes Cabinet, ein Bedienpult mit Kabelstrang und das war es auch schon. Zu meinem Favoriten zählte ein spaciger Automat der mit viel Silber und einem wunderschönen Rahmen, um den Monitor daherkam und absolut nach 70er Spacemovie schrie. Doch ich lies mich davon nicht blenden, ich schaute weiter. Irgendwann blieb ich vor einem großen Automaten stehen.

Vor mir baute sich ein Mortal Kombat Automat auf. Das Gehäuse hatte noch das Original Artwork und er war in einem sehr guten Zustand. Monitor und Spielplatine fehlten, aber ich wusste: der ist es!

Nichts wie hin zum Verkäufer und schnell war der Preis ausgehandelt. Ich weiß nur noch: es war erschwinglich: 150.- DM. So, den Automaten hätte ich nun. Jetzt können wir wieder aufbrechen. Nur wie kriege ich dieses Monster nach Hause? Da das wohl mein Glückstag war, hatte der Verkäufer noch eine Lieferung in meiner Stadt zu machen. Perfekt! Der Automat wurde per Stapler aufgeladen und los ging es Richtung Heimat. Nun, zumindest etappenweise.

So echt, dass es weh tut! Werbung für den Mortal Kombat Spielautomaten. (Bild: Midway)
So echt, dass es weh tut! Werbung für den Mortal Kombat Spielautomaten. (Bild: Midway)

Wie sich herausstellte, mussten wir (bzw. der Fahrer) vorher noch etwas abholen. Da war es wieder. Das merkwürdige Gefühl Teil eines Roadmovies zu sein ... Hatten wir zu viele Filme dieser Art genossen? Wir fuhren also los und hielten in der Nähe einer Markthalle. Von außen erinnerte das Gebäude an eine typische Markthalle, wie ich man sie eher in südlichen Gegenden findet. Diese Gemäuer an denen die Händler überdacht ihre Ware an Ständen anbieten. Vom Obst zu Fisch zu Teppich aus 1000 und einer Nacht. Hier sollte also etwas abgeholt werden? Wir blieben in der Fahrerkabine sitzen und warteten ab. Es schien als ob noch eine Palette aufgeladen wurde.

Unsere Fantasie ging etwas mit uns durch. Ein Automatenverkäufer der mit Obst handelt? Merkwürdig ... Würden wir samt Automat tatsächlich Zuhause ankommen? Wie viele Stationen um „etwas abzuholen“ würden wir noch anfahren? In unserer jugendlichen Freundlichkeit haben wir uns nicht getraut dies zu fragen. Immerhin waren wir froh, „für lau“ den Automaten nach Hause zu bekommen. Wer stellt da schon Fragen. Und überhaupt: kann nicht jede Frage etwas dazu beitragen dass man am Ende zu viel weiß? Nach unseren filmischen Erinnerungsschnipseln hatte sich oft zu viel Wissen als ungesund herausgestellt. Nee, Nee das passt schon alles. Hier wird Obst beladen, alles Paletti (was für ein Wortspiel).

Wir kamen dann doch gesund und munter vor meinem Haus an. Dort angekommen wurde das Teil ausgeladen vor die Tür gesetzt und wir waren nun also zu dritt: ein Arcade-Automat, mein Kumpel und ich. Ok, jetzt müssen wir nur noch in den fünften Stock! Was sich nun abspielte ist wohl am besten mit einer Folge Big Bang Theory zu vergleichen. Ich hatte mich bei der Automatengröße komplett unterschätzt. Das Ding wollte einfach nicht in den Fahrstuhl rein. Allen Überredungskünsten zum Trotz.

Gefühltes Gewicht: 200kg

Also fingen wir an den Automaten von einzelnen Komponenten zu befreien. Da dies das erste Mal war bei dem ich mir einen Automat genauer anschauen konnte, war ich noch etwas unbeholfen, als es darum ging hier und da was zu entfernen um das Gewicht und die Größe zu verringern. Ich wollte auf keinen Fall etwas entfernen was nicht dazu gedacht war.

Als erstes lösten wir die Frontscheibe, die allein hatte ein ordentliches Gewicht. Und los ging es Stufe für Stufe. Ecke um Ecke im Treppenhaus Richtung 5. Stock mit vielen Pausen kleineren Verletzungen und leichten Fluchen wer den auf diese Idee gekommen ist einen Standautomaten in den 5. Stock zu tragen.

Ein Mortal Kombat Arcade Cabinet. (Bild: Game Room Graphics)
Ein Mortal Kombat Arcade Cabinet. (Bild: Game Room Graphics)
Auf jedem Stockwerk schauten wir nach ob denn nicht noch etwas ab kann. Da war so ein seitliches Stück Abdeckung und im hinteren Bereich gab es da auch eine große Holzplatte die den Zugang zum Inneren bedeckte. Beides musste ab und es ging auch. Da so ein Automat einige Zeit der Belastung einer Spielhalle standhalten musste, wurde hier wirklich mit schwerem und beständigem Material gearbeitet. Das spürte ich bei jedem Schritt, den ich die Treppen hinaufging. Blickkontakt hatten wir keinen, so dass wir uns mit lauten Kommandos zu verständigen hatten. Diese waren der Art von „Wer hatte nur diese verdammte Idee?“ über „Ich helfe dir nie wieder“ oder „ich kann nicht mehr lass uns absetzen“ oder auch einfach: „Aaaaaahhhrghhh“.

Das letzte Kommando war ein Schmerzstoß. Kollege Claudio hatte irgendwie geschafft sich beim Tragen an der Wade zu verletzen. Tatsächlich: so eine Aktion kann Opfer bedeuten. Und auch Monate später musste ich mir eine kleine Narbe präsentieren lassen die sich Claudio als Andenken an unserer Aktion nicht nehmen ließ mitzunehmen. Aber circa 2 Stunden später waren wir oben angekommen. Und das Ding passte, was für ein Glück, durch die Tür in die Wohnung. Auch wir waren noch intakt und einfach nur froh, dieses Treppenhaus mit seinen engen Windungen bezwungen zu haben. Etappe 1 geschafft! Hurrah!

«Ich warf dem Automaten einen Blick zu und dachte: du wirst noch staunen zu was du noch in der Lage bist mein Lieber!»

Ioannis Douloumis

Da stand er nun im Wohnzimmer in voller Pracht. Mein erster Standvideospielautomat von Midway mit einem zwei Spieler-Controlpanel und jeder Menge Buttons. Es fehlten zwar der Monitor und die Platine, aber das war ja alles im Plan berücksichtigt. Erstmal hieß es den Automaten in Ruhe zu lassen, damit er sich an seine neue Umgebung gewöhnen kann. Ich warf ihm nur einen Blick zu und dachte mir: du wirst noch staunen zu was du noch in der Lage bist mein Lieber! Wir werden dich aus dem Arcade-Nirvana zurückholen.



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15 KOMMENTARE

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    Guido kommentierte zu oben
    am 04.12.2016 um 13:43 Uhr (neuester)
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Nach dieser Beschreibung fällt mir eigentlich nur ein einziges Spiel ein, der SNK Arcadeklassiker "Fantasy" von 1981. Der Automat hatte wirklich sehr viele Level und war damit für diese Zeit unglaublich abwechslungsreich, allerdings auch höllisch schwer.
    Übrigens ist Fantasy auch das erste Spiel mit einer „continue“ Funktion, bzw. damals noch „extended play“ genannt. Suche im Internet einfach unter "fantasy snk japan 1981", dann kommen gleich ein paar passende Bilder. Ansonsten existieren kaum andere Videospiele, in denen tatsächlich auch ein Heißluftballon vorkommt.







    @zedbeeblebrox kommentierte zu oben
    am 10.02.2016 um 18:24 Uhr
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    Das Spiel mit den Eisblöcken dürfte Pengo sein. Das Spiel mit den Rohren habe ich praktisch auch noch vor Augen, aber dazu fällt mir gerade der Name nicht mehr ein. ;)







    Andre kommentierte zu oben
    am 02.04.2015 um 09:33 Uhr
    Profil bei Gravatar anzeigen
    Hallo wepuc,

    zu Videomagic haben wir einen eigenen Artikel auf Lager. In diesem Artikel hat Guido Frank dem ehemaligen Münchener Videospielparadies ein digitales Denkmal gesetzt. Vielleicht fallen Dir ja dazu noch ein paar Erinnerungen ein...













    Der Author kommentierte zu oben
    am 18.02.2015 um 21:20 Uhr
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    wonderboy? mein absoluter all Time Favourite! Spiele ich auch bis heute noch gerne. Ja so ein neues mame Projekt ist immer noch ein Wunsch. Ich würde mir noch so einen Drehregler wünschen für arkanoid. Mal schauen wann die Zeit dafür wieder reif ist. Game on!



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